Versöhnung beginnt mit Vorschuss an Vertrauen – auch wenn ich nichts dafür zu erwarten habe.
Ausweglos und völlig verfahren. Keiner vermag mehr zu sagen, wie es gekommen ist. Wo einmal der Wille war, ein Leben lang zusammen zu sein, zeigt sich nicht einmal der kleinste Ausweg. Die Scheidung steht am Ende. So enden Lebensgeschichten von Menschen. Auch mit der Geschichte der Menschen geht es oft ähnlich. Die Geschichte der Menschen wird vielfach als eine Auseinanderreihung von Konflikten geschildert. Ein Krieg beginnt, ein Krieg endet. Die zugehörigen Jahreszahlen hatte man zu erlernen, auch noch, wie die Feldherren hießen und die Orte der Schlachten. Ein langer Friede fand viel weniger die Aufmerksamkeit der Geschichtsschreibung. Bietet der Friede zu wenig an Spannung? In unserer Zeit haben Ausei-nandersetzungen ein bedrohliches Ausmaß angenommen. Die Zerstörungskraft moderner Waffen reicht aus, die Menschheit auszurotten. Wohl deshalb hat das Interesse an Wegen der Versöhnung und an Strategien des Friedens zugenommen. Das Scheitern der Beziehung unter Menschen und das Scheitern der Geschichte unter Völkern hat etwas Gemeinsames: Ein Mensch sieht im Lebenspartner nur mehr den Nutzen für die eigene Person – oder er sieht in ihm nur die Begrenzung seiner eigenen Möglichkeiten. Ein Volk sieht im anderen nur noch das, was sich zum eigenen Nutzen ausbeuten lässt. Wo aber Menschen einander nur nach dem Gesichtspunkt des Nutzens begegnen, ist das Ende einer gemeinsamen Geschichte erreicht. Versöhnung meint nicht einfach nur ein Nachgeben oder ein Weitermachen wie es immer war. Versöhnung hat mit der Frage zu tun: Wie kann ich mich selbst dem anderen zur Verfügung stellen? Und es geht dabei nicht um ein Gegengeschäft. Wo uns die Philosophie des Gewinnens täglich in Vierfarbprospekten vor Augen geführt wird, wird es schwer, eine gegenteilige Haltung an den Tag zu legen: Ich will nicht gewinnen, sondern für jemanden Hilfe und Stütze sein. Und ich erwarte auch keine Zinsen dafür.Versöhnung beginnt mit diesem Vertrauensvorschuss, selbst in den Menschen, der mich enttäuscht hat. Der Weg nimmt seinen Anfang im eigenen Herzen. Wo dieser Vertrauensvorschuss nicht mehr möglich ist, wird auch keine lebendige Beziehung mehr zu entdecken sein.