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Am 10. Dezember erhält „Ärzte ohne Grenzen“ den Friedensnobelpreis
Ausgabe: 1999/49, Ärzte ohne Grenzen, Ärzte, Friedensnobelpreis, Sillaber
07.12.1999
- Walter Achleitner
Ursula Sillaber war als Ärztin in Mazedonien im Einsatz. Im Chaos von 30.000 Flüchtlingen hat sie geholfen.

Es war die Dankbarkeit, die in den Augen der Kosovo-Albaner zu erkennen war. Selbst wenn Ursula Sillaber auch nur den Blutdruck kontrollierte. Aber vielleicht war es Wochen oder gar auch Jahre aus, dass sich zuletzt ein Arzt darum annahm. „Und je mehr Zeit ich mir für die Flüchtlinge nahm, umso dankbarer waren sie“, erzählt die Vorarlbergerin, die für zwei Monate als Ärztin freiwillig in Mazedonien und Kosovo im Einsatz war.

Doch viel Zeit zum Zuhören blieb der angehenden Internistin nicht. Im Flüchtlingslager in Brazda – mit 30.000 Personen das größte in Mazedonien – warteten täglich über 400 Patienten vor der Zeltpraxis der „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF). Dort ordinierte Dr. Sillaber von früh morgens bis spät abends nur mit Stethoskop und Blutdruckgerät ausgestattet.Es war Ende März, und die Zahl der Flüchtlinge stieg von Tag zu Tag, als sie zum Telefon griff, um sich bei „Ärzte ohne Grenzen“ zu melden. Ihr Ersatz für den Dienst im Landeskrankenhaus war noch kaum gefunden, da hieß es schon: „Morgen geht dein Flugzeug!“ Dass es so schnell gehen könne, damit hatte Ursula Sillaber nicht gerechnet. „Aber das konnte niemand vorausplanen, dass nahezu über Nacht 10.000 Flüchtlinge zusätzlich ins Lager kommen.“ Da blieb nur mehr Zeit, ihren Geburtstag während der Zugfahrt nach Wien zu feiern. Ähnlich rasch ging es dann, als die NATO nach 78 Tagen ihre Bombardements einstellte. Ursula Sillaber zählte zu den Ersten, die vor den UNO-Soldaten zur medizinischen Hilfe nach Pristina kamen.

Die Organisation konnte deshalb so rasch zurückkehren, weil sie nie Geld von einer der Konfliktparteien angenommen hatte. Zwar beteiligen sich die Regierungen der NATO-Länder normalerweise an Einsätzen der Ärzte, in diesem Fall lehnten die Helfer zugesagte Gelder jedoch wieder ab. „Dort habe ich oft genug gesehen, wie zurückkehrende Flüchtlinge Serben bestialisch behandelt haben. Daraufhin hat MFS entschieden, sofort Leute auch nach Jugoslawien zu entsenden. Mich hat das sehr fasziniert, weil ich aus meiner Erfahrung emotional auf der anderen Seite gestanden bin.“Wie anstrengend für die Ärztin die acht Wochen waren, hat sie erst zu Hause gespürt. „Die Kollegen und Übersetzer wurden zu Freunden, die mir fehlten. Ich hatte plötzlich Zeit, über all das nachzudenken. Und weil nicht mehr ständig 50 Patienten um mich herumstanden, ist mir hier alles so leer und geordnet vorgekommen.“


Ärzte ohne Grenzen


Es war die Erfahrung französischer Ärzte im Biafra-Krieg. Mit ansehen zu müssen, wie Nigerias Regierung die aufständischen Provinzen systematisch aushungert und die Bevölkerung bewusst den Bombenangriffen aussetzt. Doch es war ihnen untersagt, die politisch Verantwortlichen anzuprangern. Strikte Neutralität des Roten Kreuzes, unter dessen Flagge sie arbeiteten, ließ das nicht zu. Die jungen Mediziner gründeten daraufhin am 20. Dezember 1971 „Médecins Sans Frontières“ (MSF). Ohne Grenzen, das heißt Hilfe weltweit: in mehr als 80 Staaten sind über 2500 Ärzte, Schwestern, aber auch Logistiker und Finanzexperten freiwillig im Einsatz. Von rund 20.000 lokalen Mitarbeitern werden sie unterstützt. Ohne Grenzen bedeutet aber auch, dass neutral und unabhängig geholfen werden soll, ohne zu unterscheiden zwischen „guten und bösen“ Opfern. Und sie wollen sich auch von der Politik keine Grenzen setzen lassen.

Neben der Kriegs- und Katastrophenhilfe setzt die größte medizinische Hilfsorganisation der Welt (Spenden 1998: über vier Milliarden Schilling) auf Information. So wurden weltweit seit 1987 zwar über 1200 Medikamente entwickelt; davon eignen sich jedoch nur elf gegen die Haupttodesursache in der „Dritten Welt“, den Tropenkrankheiten. Denn die „Krankheiten der Armen“, wie Schlafkrankheit und Cholera, sind zu Stiefkindern der Forschung geworden.

In Österreich ist die Organisation seit 1994 tätig. 100 ÖsterreicherInnen waren seither in 40 Ländern von Afghanistan bis Zaire als „Expats“ freiwillig im Einsatz.

Ärzte ohne Grenzen, Josefstädter Straße 19, 1080 Wien Tel. 01/409 72 76 www.AerzteOhneGrenzen.at
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