Das Institut für Neues Testament der Theologischen Fakultät in Salzburg benutzt Papyri der Österreichischen Nationalbibliothek für die Exegese. Worum geht es bei diesem weltweit einzigen Forschungsprojekt?Ernst: Der allergrößte Teil der Papyri sind sogenannte „Alltagstexte“. Wir versuchen mit Hilfe dieser Alltagssprache, wie sie zur Zeit der Entstehung der echten Paulusbriefe verwendet wurde, die Briefe neu zu lesen. Ein Kommentar zum Philemonbrief ist abgeschlossen. Gerade zur Frage der Sklaverei konnten aus den Papyri interessante und aufschlussreiche Informationen gewonnen werden. Gegenwärtig arbeiten wir am ersten Korintherbrief.Was verrät die Alltagssprache des ersten Jahrhunderts?Ernst: Begriffe, die heute sehr theologisch klingen, kommen zum Beispiel aus dem Wirtschaftsleben und wurden damals völlig selbstverständlich verwendet und auch von den ersten Leserinnen und Lesern so verstanden. Wenn Paulus schreibt: „Ihr seid auf den Namen Jesu getauft“ – was oft verkürzt mit „im Namen“ übersetzt wird –, dann liegt dem ein griechischer Fachausdruck zugrunde, der bedeutet: „auf das Konto von jemanden überweisen“. In unsere Alltagssprache übersetzt würde das heißen: „Wir sind auf das Konto Jesu gutgeschrieben“. Paulus hat also keine Angst vor der Alltagssprache gehabt. Er hat sich nicht gescheut, selbst mit Begriffen aus der Bankersprache zu argumentieren.
Univ.-Prof. Dr. Michael Ernst leitet das Institut für NT an der Uni in Salzburg.