Wahrscheinlich um 600 n. Chr. entstand in Ägypten jene Abschrift des Hebräerbriefes, von der nun ein Bruchstück in der weltgrößten Papyrussammlung identifiziert wurde.
Es ist nicht größer als zwei Briefmarken, gerade 3,3 cm breit und 5,2 cm hoch. Doch das kleine ockergelbe Bruchstück war Amphilochios Papathomas schon vor Wochen ins Auge gestochen, als der Wissenschafter in der weltgrößten Papyrussammlung in Wien die rund 60.000 griechischen Papyri durchschaute. Die feine Art, in der die acht Millimeter kleinen Buchstaben geschrieben sind, hatten den Wissenschafter neugierig gemacht. Mit Hilfe eines speziellen Computerprogramms zum Textvergleich gelang es dem Papyrologen, das ringsum abgebrochene Stück zu identifizieren. Die Buchstaben sind ein Teil des Hebräerbriefes (2, 9–11 und 3, 3–6). Noch vor Jahren hätte die Identifizierung, falls sie überhaupt gelungen wäre, Wochen gedauert.
Nach der gelungenen Identifizierung gehörte es zur schwierigsten Aufgabe, den Hebräerbrieffund „P.Vindob. G 42417“ – so die offizielle Bezeichnung – zu datieren. Dazu hat Dr. Papathomas schriftgeschichtlich vergleichende Methoden angewandt: „Zwar weist die elegante Schrift mehrere Merkmale auf, die auf eine frühe Entstehung hinweisen. Die Bildung mancher Buchstaben wie des Epsilon und des My spricht jedoch deutlich für eine späte Datierung des Papyrus ins sechste oder siebte Jahrhundert.“
Weitere Überraschungen?
Aber auch für die Bibelwissenschaft ist der Fund in der Österreichischen Nationalbibliothek von Bedeutung. Bisher waren aus Ägypten schon elf spätantike Teile des Hebräerbriefes bekannt. „Bei dem neuen Papyrus ist eine kleine Änderung in der Wortreihenfolge feststellbar, aber für den Inhalt ist das nicht von Bedeutung“, sagt Papathomas. Nach Ansicht des Wissenschafters ist das vielmehr ein Beweis, mit welcher Sorgfalt neutestamentliche Texte überliefert wurden.
Noch ein Ergebnis hat der 31-jährige Grieche und Mitarbeiter der Österreichischen Akademie der Wissenschaften vorgelegt: die Größe der Buchseite, aus der das Stück ursprünglich stammt. Da der Text auf beiden Seiten erhalten ist und die Buchstabenanzahl des gesamten Textes bekannt ist, müssen rund 34 Zeichen pro Zeile stehen. Da auf dem 3,3 cm breiten Fragment acht Zeichen Platz finden, ist die Zeile rund 14 Zentimeter lang. Den Rand miteingerechnet ergibt sich eine Gesamtbreite von etwa 18 und eine Blatthöhe von 28 cm. „Eine durchaus übliche Größe für Papyruskodizes dieser Zeit“, meint Papathomas.
Die Papyrussammlung der Nationalbibliothek geht auf eine private Sammlung zurück, die von Erzherzog Rainer 1883 gegründet wurde. Sie umfasst über 180.000 Objekte, von denen erst 15.000 erfasst sind. Dass diese riesigen Bestände, ein Forschungsprojekt für mehrere Generationen, noch zahlreiche Überraschungen bergen, davon ist auch Univ.-Prof. Hermann Harrauer überzeugt. Der Leiter der Papyrussammlung rechnet noch mit weiteren Funden biblischer Texte.