Die Caritas Österreich versucht, aus Grosny geflüchteten Kriegswaisen zu helfen. In den Kellern von der tschetschenischen Hauptstadt harrten sie unter unvorstellbaren Bedingungen aus, ehe einige von ihnen in der Ukraine Schutz gefunden haben. Dazwischen lag ein 70 Kilometer langer Fußmarsch, den selbst Kleinstkinder zu bewältigen hatten.
Wenigstens für 65 Waisenkinder kann die Caritas in Österreich jetzt das Lebensnotwendige sicherstellen. Niemand weiß, wieviele Menschen heute noch in Grosny ausharren. Inzwischen geht der Krieg in Tschetschenien mit unveränderter Härte weiter. Die internationale Gemeinschaft steht den Bomben der Russen hilflos gegenüber, direkte Hilfe für die Opfer im Kriegsgebiet ist praktisch unmöglich. Der Krieg in Tschetschenien macht traurig bewußt, dass die Zeit des kalten Krieges längst nicht vorbei ist. Wenn es um Macht und Prestige geht, wird mit unverminderter Kälte zugeschlagen.
In einem Keller mussten die Waisenkinder wochenlang in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny ausharren. Mit Hilfe der Caritas haben sie in der Ukraine Schutz gefunden.
Es war eine Gewalttour für Frau Gatajewa, mit 27 Waisenkindern das zerbombte Grosny zu verlassen. Die 70 Kilometer bis zur Grenze nach Inguschetien mussten die Kinder im Alter von drei Monaten bis 16 Jahren zu Fuß zurücklegen. Im Lkw ging es dann nach Moskau, ehe die Gruppe mit dem Zug ins ukrainische Kharkov gelangte. „Wenigstens haben sie uns herausgelassen“, schildert eine der drei weiteren Begleiterinnen die Eindrücke ihrer Evakuierung. „Auch wenn wir unterwegs als Tschetschenen immer wieder angepöbelt wurden.“
Mittlerweile sind es insgesamt 65 Kinder, die Frau Gatajeva, die Leiterin des Waisenhauses, auf diesem Weg in Sicherheit bringen konnte. Dass es so weit kommen konnte, ist dem Einsatz tschechischer Journalisten zu verdanken. Sie hatten bereits 1996, nach dem ersten Krieg in Tschetschenien, mitgeholfen, „Nadescha“ – Hoffnung, wie das Haus für Kriegswaisen genannt wurde – zu gründen. „Als die Journalisten nach Grosny durchkamen, lebten die Kinder bereits seit Wochen im Keller. Das Haus im Zentrum von Grosny, zwischen Krankenhaus und Stadtverwaltung gelegen, war völlig zerbombt“, berichtet Felicitas Filip von Caritas Österreich.
Zusammenarbeit in Osteuropa
Innerhalb weniger Tage gelang es der Caritas-Mitarbeiterin, dem Notruf der tschechischen Caritas eine Hilfe anzubieten. Der ukrainischen Caritas gelang es, in Kharkov an der östlichsten Grenze zu Russland, die Kinder unter zubringen, das Geld dafür wurde von Österreich zugesagt: 500 Schilling für die Evakuierung jedes Kindes. Unterkunft und Essen, Ausbildung und psychologische Betreuung kosten weitere 3500 Schilling pro Kind im Monat.
Seit drei Monaten leben die 65 tschetschenischen Kriegswaisen nun in Kharkov. „Körperlich haben sie sich gut erholt“, berichtet Filip. „Doch die schrecklichen Bilder des Krieges haben sich tief eingeprägt.“ So hätten die Kinder nach den Bombardements den Keller des vollkommen zerstörten Hauses immer wieder verlassen. Bis eines Tages die russische Armee auch Raketen vom Kaspischen Meer abfeuerte. Bomben waren zu hören, doch die Raketen kamen lautlos und trafen die Kinder völlig ahnungslos. Die Bilder von zerrissenen Körpern sind allgegenwärtig.“
Frau Gatajewa hat sich wieder auf die Reise nach Inguschetien gemacht. Diese Woche bringt sie weitere 15 Kinder nach Kharkov. Denn vor Weihnachten sind eben soviele zu Gasteltern nach Litauen gefahren, wo sie schon den ersten Krieg in ihrer Heimat überlebt haben.
Spendenkonto: Caritas 7.700.004 (PSK), Kennwort: Kinder aus Tschetschenien.
HINTERGRUND
So ungleich sind KatastrophenWie ähnlich sind die Bilder: Bei eisigen Temperaturen flüchten Menschen über verschneite Berge in ein Land, das selber von Armut geplagt ist. Menschen, deren Zahl niemand kennt, werden zum Opfer unmenschlicher Politik. Damals hieß es „humanitäre Katastrophe“, als vor wenigen Monaten Hunderttausende Kosovaren in Mazedonien und Albanien Schutz suchten. Jetzt – bei der „Bekämpfung von Rebellen“ in Tschetschenien – bleiben die Bilder aus, die das menschliche Elend frei Haus liefern. Was ist mit den 40.000, die noch in den Kellern der mittlerweile in Schutt und Asche gebombten Stadt Grosny ausharren? Die Hauptlast trägt ein Nachbarland: auf einen Inguschen kommt ein geflohener Tschetschene. Alleine in Familien sollen 50.000 Flüchtlinge Aufnahme gefunden haben. Zur Kriegstaktik Moskaus gehört nicht nur gefallene Soldaten, sondern auch die Not noch lebender Zivilisten zu vertuschen.War es schlechtes Gewissen über seine Bomben, das den Westen splendabel werden ließ gegenüber Flüchtlingen aus dem Kosovo? Österreichs Bundesregierung, die am 1. Jänner 2000 den Vorsitz in der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) übernommen hat, ist noch am Sondieren, wie viel Geld für das Flüchtlingselend in Osteuropa locker gemacht werden kann. In der Ukraine hingegen, wo der Staat quasi bankrott ist, hat jetzt die Stadt Kharkov der Caritas ein leerstehendes Gebäude zur Unterbringung tschetschenischer Waisenkindern angeboten und versichert, in Zukunft die Heizungs-, Strom und Wasserkosten zu tragen. Und in Tschechien hat ohne ORF und Rotem Kreuz die Caritas eine Sammlung für Tschetschenenflüchtlinge gestartet.