Indios und Campesinos haben Ecuador beinahe lahmgelegt. Mit Hilfe der Militärs gibt es einen neuen Staatschef, doch die Ärmsten fühlen sich betrogen, denn es bleibt alles beim Alten.
„Scheinbar und oberflächlich normalisiert sich die Lage wieder. Die Indios haben ihre Streiks für beendet erklärt“, berichtet Ursula Hauszer-Ortner vom Büro des Österreichischen Entwicklungsdienstes (ÖED) in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito. Auch in Cuenca, der Indio-Hauptstadt des Landes, hat sich mittlerweile die Lage wieder beruhigt, „wenn vielleicht auch nur momentan“, wie der Pfarrer von San Roque, Roman Malgiaritta, meint. „Man spürt eine Unzufriedenheit, wie eine Art Niederlage. Denn die Militärs haben das Volk verraten.“Die Proteste der letzten Wochen seien von beiden Seiten, der zivilen Gesellschaft als auch von der Regierung Mahuad lange vorbereitet worden. Dass sie aber zum Machtwechsel an der Staatsspitze unter Mithilfe des Militärs führen würden, davon wurden sowohl Indios als auch Campesinos überrascht. „Die Krise wurde von der Regierung provoziert“, meint Pfarrer Malgiaritta. Bereits im März vergangenen Jahres wurde der Großteil der Bevölkerung um ihre Ersparnisse gebracht, als innerhalb kurzer Zeit 18 Privatbanken zahlungsunfähig wurden. Zwar wisse die Regierung die Namen der Verantwortlichen, doch diese haben sich nach Miami (USA), Panama oder Costa Rica abgesetzt, nachdem sie ihre eigenen Millionen ins Ausland überwiesen hatten.
Dollarisierung
Im Dezember traf Ecuador eine Hyperinflation, die Mahuads Regierung nicht zu stoppen vermochte. Lag der durchschnittliche Monatslohn eines Arbeiters im Jänner 1999 noch bei rund 200 US-Dollar, so verringerte sich dieses auf Grund der Inflation im Jänner 2000 auf weniger als 40 US-Dollar. Der Staatschef kündigte dann am 9. Jänner an, nach argentinischem Vorbild die Krise zu meistern und binnen drei Monaten die Landeswährung Sucre durch den US-Dollar zu ersetzen. Diese als „Dollarisierung“ bezeichnete Maßnahme war letztlich Auslöser für die Protestwelle, mit der das Land quasi lahmgelegt wurde.
Noch fester im Sattel
Doch auch die Indiobewegung CONAI, in der 20 verschiedene Indiovölker vertreten sind, verschiedene soziale Bewegungen und Teile der Kirche haben der Entwicklung nicht tatenlos zugesehen. „Bereits seit Mitte 1999 liefen Bemühungen, von der Basis her eine neue Demokratie aufzubauen. Das Ziel war, eine alternative Regierung zu bilden, die Mahuad zu Verhandlungen zwingt. Doch die Nacht vom 21. auf den 22. Jänner hat diese Pläne einstweilen zunichte gemacht“, meint Pfarrer Roman Malgiaritta in Cuenca. Eine Einschätzung, die auch Ursula Hauszer-Ortner teilt: „Noboa hält an der Dollarisierung fest. Und die Oligarchie sitzt fester im Sattel als vorher, weil sie in der neuen Regierung noch besser vertreten ist.“
ZEITRAFFER
5. 1. Aufgrund der ausweglosen wirtschaftlichen Situation fordern Indioverbände und soziale Bewegungen den Rücktritt von Regierung, Parlament und Justiz. Sie kündigen die Gründung von „Volksparlamenten“ und landesweite Protestmärsche an.
6. 1. Präsident Mahuad verhängt den Ausnahmezustand.Indioproteste
8. 1. Das bereits elfte „Volksparlament“ wird in Cuenca unter Vorsitz von Erzbischof Luna eingerichtet. Gleichzeitig spricht sich der Vorsitzende der Bischofskonferenz gegen die aktive Teilnahme kirchlicher Würdenträger an den Protesten aus.
9. 1. Zur Lösung der akuten Wirtschaftskrise kündigt Staatschef Mahuad an, den einheimischen Sucre binnen drei Monaten durch den US-Dollar zu ersetzen. Die wichtigste Einnahmequelle des Landes, die Erdölförderung, soll privatisiert werden. Die Regierung wird entlassen.
11. 1. Das 330-köpfige „Nationale Parlament der Völker Ecuadors“ wird eingerichtet, und Erzbischof Luna zu dessen Präsident gewählt, der jedoch sein Amt an den Indio-führer Antonio Vargas abgibt.
19. 1. Bereits 12.000 Indios haben Quito erreicht. 25.000 Soldaten sollen jeden privaten oder öffentlichen Verkehr in die Hauptstadt unterbinden. Erzbischof Luna nennt das Vorgehen einen „Akt der Gewalt und des Rassismus“.
21. 1. Mit Unterstützung einiger Militärs besetzen Indios das Kongressgebäude und den Regierungspalast.
22. 1. Nach Mitternacht übernimmt ein Triumvirat (General Mendoza, Indioführer Vargas, Ex-Präsident des Obersten Gerichtshofes Solorzano) die Regierung. Nach internationalen Protesten, vor allem aus den USA, legt in den frühen Morgenstunden der bisherige Vizepräsident Gustavo Noboa den Amtseid ab.