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Ökumene ist wie eine gelebte Freundschaft

Kasper: Engagement des Papstes bestärkt die Bemühungen um Einheit
Ausgabe: 2000/05, Kaspar, Papst, Ökumene, Vatikan
01.02.2000
- Walter Achleitner
Ein starkes Zeichen: Vertreter von 23 christlichen Kirchen öffnen gemeinsam mit PapstJohannes Paul II. die Heilige Pforte. Die Feier von St. Paul ist aber auch als Signal zu verstehen, wie die Einheit der Christen in Zukunft gelebt werden kann, meint Kurienbischof Walter Kasper.

Erstmals war die Öffnung einer Heiligen Pforte in Rom ein ökumenisches Großereignis. Welche Bedeutung hat dieser 18. Jänner?

Kasper: Seit Ende des 2. Vatikanischen Konzils haben nicht mehr so viele Vertreter christlicher Kirchen hier in Rom gemeinsam an einer Feier teilgenommen. Im Anschluss daran haben alle gesagt, wir müssen weitertun. Es war eine sehr breite christliche Feier. Und die Tatsache, dass der Papst zusammen mit dem Vertreter von Konstantinopel und mit dem Primas der anglikanischen Kirche, also aus Ost und West, die Türe aufgeschoben hat, ist doch ein Zeichen für ein erneuertes Verständnis vom Primat. Wir machen es nicht allein, sondern wir machen es zusammen. Das war dem Papst ein großes Anliegen und er hat selber viel Zeit in die Vorbereitung investiert.

Auch wenn kein Vertreter der reformierten Kirchen nach Rom gekommen ist?

Kasper: Ja, in Deutschland hat es gewisse Spannungen wegen des Ablasses gegeben. Das war der Ausgangspunkt für die Reformation – wir müssen das verstehen und respektieren. Nur in dieser Feier hat der Ablass keine Rolle gespielt. Übrigens sehen wir das anders als im 16. Jahrhundert; es war ein Missbrauch, und der wurde abgeschafft. Wenn sie die heutige Form nicht akzeptieren, so müssen wir darüber noch sprechen. Aber es ist ja auch innerkatholisch nicht ganz einfach.

Die Feier als Zeichen für das erneuerte Verständnis vom Primat des Papstes. Wie kann es weitergehen?

Kasper: In seiner Enzyklika „Ut unum sint“ hat Johannes Paul einen für einen Papst revolutionären Schritt getan. Er hat dazu eingeladen, mit ihm in ein Gespräch einzutreten. Nicht über den Primat als solchen – natürlich stellt er den nicht in Frage –, sondern über die konkrete Ausübung dessen. Dieses Gespräch hat begonnen und es ist ein Jahrhundertdialog. Ein so gewaltiges Thema kann man nicht in ein paar Jahren bewältigen. Die Art der Ausübung des Primats, in brüderlicher und kollegialer Weise, wie immer man das umschreiben will, kam in St. Paul zum Ausdruck. Der Papst hat den Vorsitz geführt, er war der Erste, aber alle wurden in die Liturgie mit einbezogen.Der Erste dem Ansehen nach. Ansehen hat Autorität, auf den man schaut, auf den man hört; das hat Bedeutung, wenn der etwas sagt. So weit sind wir nicht nur im Osten, sondern allmählich auch im Westen. Es war der Papst, von dem vor Jahren die Anregung zu diesem „Jubiläumsjahr“ ausgegangen ist und das auch ökumenische Auswirkungen zeigt.

Ökumene also in ihrem ursprünglichen Sinn: miteinander leben

Kasper: Die Ost- und die Westkirche haben ja nicht an einem bestimmten Punkt beschlossen: wir gehen auseinander. Sie haben sich auseinander gelebt, sich nicht mehr verstanden. Sie sind sich fremd geworden. Jetzt kann man nur zusammenkommen, indem man sich wieder zusammenlebt und aneinander gewöhnt. Man muss sehen, was sich dabei herausbildet. Das kann man nicht vorher am Schreibtisch entwerfen. Ich sehe das als einen Prozess, der in Gang gekommen ist.

Was ist Ihre persönliche Erfahrung aus dem Dialog um die Einheit unter Christen?

Kasper: Der Dialog funktioniert, wenn menschliche Beziehungen gewachsen sind. Es ist fast so etwas wie Freundschaft, wenn man darüber spricht: Ja, wie lebst du als Christ? Als Theologe muss man alles durchdenken, und man findet immer noch Einwände gegen das, was der andere sagt. Da kann man ewig – bis zum Jüngsten Tag – weiterdiskutieren und es wird nichts. Aber wo menschliche Nähe ist, wenn man sich als Mensch hat schätzen gelernt, dann ist das immer etwas anderes. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Einheit der Kirche eines Tages von einer Theologenkommission beschlossen wird. Sie sind wichtig, ich war ja auch lange Zeit Theologieprofessor, und ich weiß, dass ihr Dialog wichtig ist. Aber diese andere Dimension des Zusammenlebens, einander zu mögen und zu schätzen, ist das Grundlegende.

Im Zusammenhang mit der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre wurde auch innerhalb der römisch-katholischen Kirche Kritik laut über die ökumenischen Bemühungen. Wie reagieren Sie?

Kasper: Das ökumenische Engagement des Papstes ist so überzeugend und so eindeutig, dass es also schon schwierig ist, die katholische Ökumene grundsätzlich in Frage zu stellen.
Vor und nach der Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung in Augsburg habe ich Briefe von denen erhalten, die meinen, sie würden in der römisch-katholischen Kirche nun lutherisch gemacht. Ich habe immer zurückgeschrieben, dass wir einen Papst haben, der sich völlig eindeutig hinter dieses Ergebnis gestellt hat, mehrfach und öffentlich. Da kann man sich jetzt wirklich auf Johannes Paul II. berufen. Da haben es diese schwer, katholischer zu sein als der Papst – das geht nicht richtig.


Bischof Walter Kasper, bis Juni 1999 Bischof der Diözese Rottenburg/Stuttgart, ist als Sekretär im Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen der zweite Mann im Vatikan in Sachen Ökumene.
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