Wie verteilt man eine billige Kinderarmbanduhr und drei ausländische Telefon-Wertkarten gerecht unter zwei Brüdern, von denen noch keiner eine eigene Uhr besitzt und die beide Wertkartensammler sind?
Jeder, der Kinder hat, jedem Kind gerecht werden will und Streit vermeiden möchte, weiß, welche Brisanz eine derartige Frage in sich bergen kann.
Dagmar, die Mutter von Jakob, 9, und Lukas, 6, überlegte lange. Jakob, dessen Schulkameraden bereits alle mit einer bunten Plastikuhr herumlaufen, könnte die Uhr sicherlich aus Prestigegründen gut gebrauchen und würde vielleicht mit nur einer Telefonwertkarte, die für die Buben hohen Sammlerwert hat, zufrieden sein. Lukas, der Kleinere, der erst lernen muss, die Uhr richtig abzulesen, könnte diese wiederum auch benötigen. Geschwisterstreit schien vorprogrammiert.
Doch Mama hatte eine Goldidee: Sie delegierte das Problem an ihre Söhne und legte wörtlich und im übertragenen Sinn die Karten auf den Tisch und die Uhr dazu. Da gab es die erste Überraschung für die Mutter: Die Armbanduhr, von der sie glaubte, jeder ihrer Buben müsste sich begierig darauf stürzen, gefiel ihnen gar nicht so besonders. Und so beschlossen die beiden, in Ruhe die Sache zu besprechen. Schließlich hatte der Sechsjährige die Uhr am Handgelenk, „weil sie zum Lernen praktisch ist!“. Und der große Bruder hatte drei ausländische Telefonwertkarten mehr in seiner Sammlung. Dem ist nichts hinzuzufügen – außer, dass manche Aufregung vermeidbar wäre, wenn wir unseren Kindern öfter zutrauen würden, dass sie viele ihrer Konflikte und Probleme auch selber lösen können.