An diesem Sonntag hören wir die Geschichte der Heilung eines Gelähmten, die – obwohl sie selten im Gottesdienst gelesen wird – doch vielen bekannt ist. Gelähmt sein, krank sein, das hieß zur Zeit Jesu im Abseits stehen. Krankheit war eine Strafe für menschliches Fehlverhalten, und krank geboren sein die Strafe für die Schuld der Vorfahren. So gesehen bedeutete diese Behinderung ein Herausfallen aus der Gesellschaft – zum einen in dem Sinn, dass ein Teilnehmen am alltäglichen Leben nicht möglich war, zum anderen auch deshalb, weil der Gelähmte vor den anderen als Sünder galt.
Der Gelähmte aus diesem Evangelium hatte Glück im Unglück: Er hatte Freunde, die ihn in ihre Mitte nahmen, ihn trugen und taten, was er selbst nicht mehr tun konnte. Sie brachten ihn dorthin, wo sie Hilfe für ihn erwarteten, und das mit aller Hartnäckigkeit. Es genügte nicht, ihn einfach nur hinzutragen. Sie mussten am Ende sogar noch durch das Lehmdach des Hauses ein Loch schlagen, damit sich für den Kranken neue Hoffnung auftun konnte.
Der Gelähmte wurde in die Mitte des Raumes hinuntergelassen, mitten unter die Menschen, die glaubten, fehlerlos, rein zu sein. Er, der Sünder in ihren Augen, bekam von Jesus den Platz in der Mitte, wurde von ihm angenommen in seinem ganzen Leid und geheilt an Leib und Seele.
Gelähmt zu sein, das kennen viele in einem anderen Sinn auch heute. Die einen sind gelähmt vor Angst, sei es vor einer schweren Krankheit oder vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, andere sind gelähmt vor Trauer, Depressionen oder Einsamkeit. Immer ist das Gefühl der Ohnmacht damit verbunden: Ich kann nicht mehr, ich weiß nicht mehr weiter, ich habe nicht mehr die Kraft zum weitermachen.
Dann ist es gut, solche Freunde wie der Gelähmte aus der Bibel zu haben, die den „Kranken“ in die Mitte nehmen, ihn tragen und ihm helfen dorthin zu kommen, wo neue Hoffnung ist. Manchmal ist das auch „Dreckarbeit“ wenn es darum geht, ihn durch die Aussichtslosigkeit hindurch zu tragen. Menschen, die so in die Mitte genommen werden, werden auch zu ihrem Platz bei Gott hingetragen. Die Heilung beginnt leise, im Inneren, dort wo der Gelähmte spürt, dass er ganz angenommen ist. Dieses innere Heil-Sein gibt die Kraft zum Aufstehen und zum Gehen.
Nur für Umstehende ist das nicht immer so angenehm. Menschen, die am Rand sind, mischen sich schließlich nicht ein. Sie lassen die anderen schalten und walten. Geheilte, die in die Mitte kommen, können da manchmal ganz schön störend sein!