Ausgabe: 2000/08, Serie: Wer ist für mich Jesus Christus
22.02.2000
- Kirchenzeitung der Diözese Linz, P. Josef Garcia Cascales CMF
Mit einem Mal war klar: Liebe und Gott ist für mich dasselbe. In Christus finde ich den gütigen lächelnden Vatergott.
Ich war nicht ganz 20 Jahre alt. Ich machte mir oft und mit großem Interesse Gedanken über die Liebe, ihr Wesen, ihre Bedeutung, ihre Konkretisierung. Am 3. September 1945, um 14.55 Uhr, saß ich im Saal des Noviziatshauses. Ich glaube, ich hatte ein Buch vor mir. Aber ich war in Gedanken verloren. Ich nahm die kraftlose Sonne wahr – und da geschah etwas: Wie ein Mensch, der verloren mitten im Ozean schreit „Land!“, wenn er es entdeckt, schien so etwas wie eine Stimme mit Entdeckerfreude zu schreien: „Gott – Christus!“ Das war alles! Geistig, seelisch und sogar körperlich kam alles in mir in Bewegung.
Zarte Güte der Liebe Christi
In diesem geballten Erlebnis war sichtbar, dass die Wurzeln der Liebe eine unendliche Tiefe haben, dass echte Liebe eine totale und endgültige Einheit ist; dass die letzte Fülle des Menschen, des Lebens, ja des Kosmos nur die Liebe sein kann; dass die erlebte Liebe in zarter Güte sich konkretisiert. Eigenartig! In dem Augenblick, in der Sekunde, war für mich Liebe und Gott dasselbe, ich sah in meiner Fantasie diesen Gott der Liebe und vor ihm Chris-tus als Garant der letzten Liebe. Natürlich sind diese Reflexionen über das Erlebnis hinterher gekommen. Als Erlebnis kann ich nur sagen, dass es mich traf und veränderte. Das geschah vor 54 Jahren. Der Christus der Liebe ist heute Gegenwart wie damals.In der Zeit meiner Ausbildung als Ordensmann und Priesterkandidat erlebte ich das Christliche, wie es von den Evangelien bei der Lebensbeschreibung Johannes’ des Täufers gezeichnet wird: Wüs-te, Askese, Drohung, Buße … Doch schon in sehr jungen Jahren bemerkte ich, dass der Jesus des Evangeliums Ruhe und Lebensfreude ausstrahlte. Und in meinem ganzen Leben, je mehr ich den echten Christus im Evangelium suche und bewundere, desto mehr steht er vor mir als das Lächeln des gütigen Vatergottes. In meinem Beten und Betrachten schaue ich gern diesen lächelnden Christus an, der mich einlädt, zu lieben, wie er liebt, und ich lächle ihm freudig zurück. Die Worte im Titusbrief, die vom Sichtbarwerden der Güte und Freundlichkeit Gottes sprechen, finde ich in Christus verwirklicht: in ihm finde ich die Begegnung mit dem Gott der Barmherzigkeit. Christus mit seiner Bergpredigt (Mt 5–7) hat mich erleben lassen, dass das Leben lebenswert ist, weil dieses Leben ein Leben der Solidarität liebt. Christus macht uns aufmerksam, dass wir Menschen nur Augen und Herz für das Gute, für das Gütige, für das Liebevolle haben dürften. Er zeigt uns den einzigen menschenwürdigen Weg im Leben: Ja, Jesus selbst mit seinem Leben und seinen Worten ist dieser Weg.
Wegzeichen für mein Leben
Das geniale Wort Christi, dass die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Menschen nicht zwei „Gebote“, sondern nur eines ist: Gott und der Mensch sind nicht zu trennen – das ist für mich das Wegzeichen für mein Leben. Diese Liebe, die Christus uns verkündet, ist für mich verständnisvolle Liebe, mitempfindende Liebe, immer hilfsbereite Liebe, gütige und zarte Liebe. Ich habe Christus in meiner Familie als einen freudigen Chris-tus erlebt. Eine Zeitlang habe ich mich mit den Geboten – Befehlen – im christlichen Leben schwer getan. Bis ich entdeckte, dass Christus uns für die Freiheit befreit hat (Gal 5, 1). Ich habe die Liebe Christi kennen gelernt, die die grenzenlose Weite Gottes vermittelt, und ich habe gelernt, in dieser unendlichen Weite mich frei zu bewegen.Was ich vom Christus des Evangeliums gelernt und bekommen habe, ist, dass ich, weil ich meinen guten Willen habe, nie Angst vor Gott zu haben brauche, auch wenn ich versage. Der gütige Gott Jesu schaut auf das Herz. Und als Priester finde ich meine Sendung, in fröhlicher Freundschaft mit Christus seine Liebe, seine Freude, seine Freiheit, seinen Frieden weiter zu tragen.
Bedenk-Text
Dostojewskij schrieb, als er nach fünf Jahren das Arbeitslager in Sibirien verlassen konnte: Ich bin ein Kind dieses Jahrhunderts, des Unglaubens und des Zweifels; das bin ich bis zum heutigen Tag und ich werde es bleiben bis ans Grab. Welche Qualen habe ich nicht zu leiden gehabt und leide ich noch auf Grund meines Durstes nach Glauben, der in meiner Seele umso stärker ist, je mehr Argumente dagegen sprechen. Gott hat mir jedoch bisweilen Augenblicke der vollständigen Ruhe geschenkt: das sind Augenblicke, in denen ich liebe und mich von anderen geliebt weiß; in solchen Augenblicken bekenne ich mein Credo. Dieses Credo ist sehr einfach: