Im Felsen der Sinaiberge hat der christliche Glaube tiefe Wurzeln
Ausgabe: 2000/08, Sinai, Katharinenkloster
22.02.2000
- Walter Achleitner
Für Hermann Harrauer war es ein großes Glück, dass er die Mönche des Katharinenklosters beraten durfte: „Ein faszinierendes Kloster in einer feindlichen Felsenwelt“.
„Die Lage des Klosters ist einzigartig schön, umgeben von einer fast feindlich anmutenden Felsenwelt. Wenn die Sonne in den Kessel scheint, ist es warm, doch legt sich der Schatten des Sinaigebirges über das Katharinenkloster, dann greift man gerne zum warmen Pullover, egal zu welcher Jahreszeit“, erzählt Hermann Harrauer. Mehrere Wochen hat der aus Oberösterreich stammende Wissenschafter bereits in dem orthodoxen Kloster am Sinai gelebt und die Mönche in Fragen der Erhaltung ihrer kostbaren Bibliothek beraten. „Mich beeindruckt nach wie vor das völlig harmonische Zusammenleben von Muslimen und den orthodoxen Mönchen, die aus Griechenland stammen.“ Ein Miteinander, so Harrauer, wie man es heute wahrscheinlich weltweit auf so wenigen Quadratmetern sonst nicht mehr findet. Aber auch, dass innerhalb der Klostermauern seit dem zwölften Jahrhundert nebeneinander die orthodoxe Kirche und eine Moschee samt Minarett stehen, ist einzigartig. Und wie seit Jahrhunderten sind es auch heute noch Beduinen, die viele Arbeiten im Kloster verrichten und die Gäste betreuen.
Misstrauen überwunden
Auf Einladung von Erzbischof Damianos, der Abt des Klosters ist auch gleichzeitig Bischof der autonomen orthodoxen Kirche am Sinai, war Harrauer erstmals 1982 im Katharinenkloster. Denn bei einem Brand war nicht nur ein Raum entdeckt, sondern auch eine Kiste mit noch unbekannten Schriftstücken in Mitleidenschaft gezogen worden. Hermann Harrauer, ein Spezialist für alte Handschriften, sollte die Mönche beraten. Doch zunächst musste der Direktor der Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek ein tief sitzendes Misstrauen der Mönche überwinden. Denn in der Mitte des 18. Jahrhunderts hatte der Leipziger Bibelwissenschafter Konstantin von Tischendorf auf seinen Forschungsreisen eine der ältesten Überlieferungen des Neuen Testaments aus dem Klosterbestand mitgenommen, ohne dass die Mönche wussten, welcher Schatz sich in ihren Mauern verbirgt. Die Handschrift aus dem vierten Jahrhundert trägt seither den Namen „Codex Sinaiticus“ und gelangte über Moskau in das Britische Museum in London. Auch wenn die von Univ.-Prof. Harrauer entdeckten Papyri, zum Beispiel über Getreidelieferungen, auf den ersten Blick weniger spektakulär wirken, so haben sie für die Geschichte des Klosters eine große Bedeutung. Sie stammen nämlich aus den Gründungsjahren. Einzigartig war auch Harrauers Fund eines antiken Handbuches, in dem ein Rechtsanwalt juristische Fragen speziell für Mönche klärt.
Ein Ort gemeinsamer Geschichte
Welche Bedeutung hat für Sie der erste Besuch eines Papstes im orthodoxen Katharinenkloster? Larentzakis: Der Besuch ist positiv. Damit werden die Beziehungen zwischen römisch-katholischer und orthodoxer Kirche verbessert. Wenn die Kirchen ihre Zusammenarbeit intensivieren, wird damit das christliche Leben gestärkt. Das ist wichtig in einer Welt, in der aus macht- und wirtschaftspolitischen Interessen die Würde des Menschen zu kurz kommt. Gemeinsam müssen wir deutlich machen, dass es im christlichen Leben nicht um den Erhalt einer Institution geht, sondern mit vereinten Kräften sollen alle Kirchen – des Ostens wie des Westens – die Würde und das Heil des Menschen lautstark in den Vordergrund stellen.
Das Kloster ist auch ein Teil dieser gemeinsamen Geschichte der Kirchen? Larentzakis: Ja, die ältetsen Berichte über das Leben von Mönchen reichen ins dritte Jahrhundert zurück. Mit über 2000 Ikonen besitzt das Kloster wohl auch die größte Sammlung. Bedeutend auch deshalb, weil am Sinai Ikonen des sechsten Jahrhunderts erhalten sind, die andernorts im Zeitalter des Streites um die richtige Verehrung heiliger Bilder zerstört wurden. Und nach der Trennung haben sich nicht nur die Patriarchen des Ostens, sondern auch eine ganze Reihe römischer Päpste für die Mönche am Sinai eingesetzt.