Serie: Symbole – Bilder der Seele des Menschen (6)
Ausgabe: 2000/08, Wüste
22.02.2000
- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Brigitte Huemer
Pater Notker hatte sein Herz auf der Zunge, wenn er zu erzählen begann: von der Wüste am Sinai und den Bergen in dieser Wüste. Jedesmal begann ich mitten im Unterricht zu träumen, so lebendig erzählte mein Lehrer. Und dann war ich dort, mehrmals inzwischen, denn die Wüste lässt auch mich nicht mehr los. Und alles war intensiver, als ich es mir vorgestellt hatte: die Pracht des Sternenhimmels, die Schwärze der Nacht, eine Stille, die einen beinahe erdrückt in ihrer Unmittelbarkeit, die endlose Weite, langsam weicht die Wärme des Sandes der Kälte der Nacht und dem aufkommenden Wind, das Wachwerden mit den ersten Sonnenstrahlen, die rasch wiederkehrende Hitze des Tages, das Bedrohliche der Wüste …Die Bibel beschreibt die Wüste zuerst einmal als Ort vieler Gefahren: Hunger, Durst, Raubtiere und Giftschlangen bedrohen das Leben der Menschen. Israel wird von Gott durch die Wüste in das Gelobte Land geführt. In der Wüste erfährt Israel, dass sein Leben von Gott abhängt. Hosea spricht von der Wüstenzeit Israels als große Zeit der ersten Liebe (2, 16–17). Für die großen Propheten Mose und Elija ist die Wüste der Ort der Gottesbegegnung, Ort der Berufung und der Entscheidung. Auch das Neue Testament erzählt von diesen verschiedenen Bedeutungen. Johannes der Täufer ist die Stimme aus der Wüste, die zur Umkehr aufruft (Mt 3, 1–6). Wüste als Ort äußerster Verlassenheit wird zum Ort der Versuchung Jesu (Mt 4, 1–11). In diesem Abseits von allem liegt auch die Möglichkeit der Gottesbegegnung. Schon bald machten sich Mönche und Nonnen der frühen Christengemeinden bewusst in die Wüste auf, um dort allein zu sein und Gott zu suchen. Die Wüste mit ihrer Einsamkeit wird zum Ort, an dem man der eigenen Wahrheit und Gottes nicht entfliehen kann. Alltagswüste des Lebens, Betonwüste der Stadt – die Sprache zeigt, wo bedrohliche Wüsten unseres Lebens sind. Wüste als Teil des Lebens anzunehmen – das ist aus den Geschichten der Bibel und der Wüstenväter und -mütter zu lernen – birgt die Möglichkeit in sich, neben all den Abgründen und Gefährdungen das Wesentliche zu erkennen, das Leben gibt und Leben erhält: Gott.