Jesus und seine Jünger erregen Ärgernis, weil sie die jüdische Fastenpraxis ignorieren. Diese sah damals für die Juden nur einen Tag im Jahr vor, nämlich den Versöhnungstag. In Notzeiten wurden noch besondere Fasttage ausgerufen. Doch manche, vor allem die Pharisäer, fasteten zwei Tage in der Woche stellvertretend für die Sünden anderer. Ihr Fasten war eine Bitte an Gott, diesen Menschen seine Liebe nicht zu entziehen.
Er konnte recht ausgiebig feiern, so dass er sogar einmal als „Fresser und Säufer“ (Mt 11, 19) bezeichnet wurde. Jesus lebte und liebte die Hoch-Zeiten des Lebens. Die Zeit, in der er mit den Jüngern gemeinsam predigend und heilend von Ort zu Ort wanderte und in der sie alle das Geliebt-Sein Gottes spürten war eine solche Hoch-Zeit. Und bei einer Hochzeit kommt schließlich niemand auf den Gedanken zu fasten!
Jesus hat aber auch selbst gefastet – denken wir nur an die 40 Tage in der Wüste, während denen er den Versuchungen der Macht und des Reichtums ausgesetzt war (Mt 4, 1–11). Fasten war für ihn Ausdruck des Loslassens: Alles, was das Leben bietet, kann auch zu Anhänglichkeiten und Abhängigkeiten führen. Es war für ihn ein Frei-Werden vom Selbstverständlichen und damit ein Hinwenden zu Gott und seinem Willen.
In unserer Zeit ist „Fasten“ zu einem Modetrend geworden, der viel mehr mit Gesundheit als mit Religion zu tun hat. „Fastenwochen“ werden in den verschiedensten Formen angeboten, und die kirchliche Fastenzeit wird auch „genutzt“, um den eigenen Alkohol- oder Zigarettenkonsum einzugrenzen. Und mit den äußeren Veränderungen ist es dann oft auch schon getan. Es reicht, wenn das Idealgewicht wieder erreicht und der Konsum von Genussmitteln eingeschränkt ist.
Mit der Bedeutung, die Jesus den Fest- und Fastenzeiten gibt, will er uns zeigen, dass es nicht darauf ankommt, Leben und Lebenswertes zu beschränken, sondern im Gegenteil, Leben lebenswerter zu machen. Sein äußerer Verzicht war verbunden mit einer inneren Änderung, sonst wäre es ja wirklich nur neuer Wein in alten Schläuchen gewesen. Im „Weniger“ hat er das „Mehr“ gesucht: Im Verzicht war er auf der Suche nach dem, was seinen eigenen Lebensweg ausmacht. Er hat in diesen Zeiten der Zurückgezogenheit das „Mehr“ an Zuwendung zu Gott und den Nächsten gefunden, das „Mehr“ des Vertrauens auf die Liebe Gottes. Und so konnte er in den Zeiten der Fülle voll Freude Hoch-Zeiten feiern.