- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Walter Hölbling
Die Jeans auf unserer Haut hat eine Weltreise hinter sich. Was sie dabei erlebt, kann in einem Spiel nachvollzogen werden.
Bis eine Jeans im Geschäft landet, legt sie durchschnittlich einen Weg von 40.000 Kilometern zurück und wandert dabei einmal um die ganze Welt. Allein die Baumwollsträucher, die das Rohmaterial liefern, werden pro Saison 25-mal mit Schädlingsbekämpfungsmitteln besprüht. Baumwollplantagen verbrauchen Land und Wasser, das in Asien, Afrika und Lateinamerika für die Anpflanzung von Lebensmitteln benötigt würde.
Schuften und Mund halten
Zur Realität im weltweiten Kleidermarkt zählen neben der Umweltverschmutzung auch unmenschliche Arbeitsbedingungen und niedrige Löhne. Bis zu 80 Wochenstunden sind für Näherinnen in der Bekleidungsbranche keine Seltenheit.Eine Frau in Honduras berichtet von ihrem Arbeitsalltag: „In der Fabrik ist es heiß wie im Ofen. Die Toilette ist abgeschlossen und darf nur zweimal am Tag benutzt werden. Während der Arbeit dürfen wir uns nicht unterhalten, sonst werden wir bestraft.“ Der Lohn einer Näherin beträgt im Schnitt ein Prozent vom Verkaufspreis eines neuen Kleidungsstückes. Der Stundenlohn für die Frauen liegt in asiatischen Ländern zwischen drei und zehn Schillingen.
Spielen und aufklären
Mit solchen und ähnlichen Informationen lüftet die vor kurzem entwickelte Spielreihe „Die ganze Welt im Kleiderschrank“ den Vorhang über der Textilindustrie. Der Spielekoffer wurde von der Tiroler Zweigstelle der „Südwind-Agentur“ im Rahmen der österreichweiten Aktion „Clean Clothes“ (Saubere Kleidung) entwickelt. Ziel ist Information einer breiten Bevölkerung über Zustände im Textilgewerbe.Die Liste der Skandale in der Textilindustrie ist lang: Zum Beispiel wurden Arbeiterinnen in Mexiko dazu gezwungen, Verhütungsmittel gegen eine Schwangerschaft einzunehmen. Bei einem Fabriksbrand mussten zahlreiche Arbeiterinnen sterben, weil weder Notausgänge noch Feuerlöscher vorhanden waren.
Druck auf Erzeuger
Die Bildung von Gewerkschaften wird in den Textilfabriken in der Dritten Welt fast ausnahmslos untersagt.In den Textilfabriken und Nähereien bleibt wegen der ein-tönigen Fließbandarbeit auch die berufliche Qualifikation der Frauen auf der Strecke.Nicht moralisieren, sondern zur Auseinandersetzung einladen: Dieses Ziel verfolgt Ruth Buchauer von der Südwind-Agentur Tirol mit dem neuen Spiel. Buchauer ermuntert dazu, in Geschäften und bei Herstellern nach gerechten Produktionsbedingungen zu fragen und damit Druck auf die Erzeuger auszuüben. Denn nur auf Drängen der Käufer würde sich in der Kleidungsbranche etwas ändern.
Spielekoffer
„Die ganze Welt im Kleiderschrank“ ist eine Spielreihe mit zehn Spielen, das zu Hause ähnlich einer „Tupperware-Party“ gespielt wird.Eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter der Südwind-Agentur führt durch das Spiel. Zu kaufen gibt es den Spielekoffer nicht. In zehn Stationen erleben die Mitspiele/r/innen „hautnah“ den Arbeitsalltag in der Textilindustrie und begleiten eine Jeans auf ihrer „Weltreise“. Akkordarbeit und Stress der Fabriksnäherinnen werden nachvollziehbar. Spielkarten liefern Informationen, die nachdenklich stimmen. Die Spielparty ist kostenlos und wird derzeit in Tirol, Vorarlberg, Niederösterreich und demnächst auch in Oberösterreich angeboten.
Information:Südwind-Agenturen, die mit dem Spielekoffer ausgestattet sind: Tirol: Tel. 0512/58 24 18Vorarlberg: Tel. 05572/297 52Oberösterreich: Tel. 0732/79 56 64Niederösterreich: Tel. 02622/248 32