Künstler aus Indonesien gestaltet ein „Heiliges Jahr“, wie es Gott gefällt
Ausgabe: 2000/15, Indonesien, Hl. Jahr, Künstler
11.04.2000
- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Claudia Kolletzki/Misereor
„Ein Jahr, das Gott gefällt – Neubeginn und Befreiung“ lautet das Thema des Hungertuches, das Suryo Indratno aus Indonesien gemalt hat. Über alles Leid und alle Ängste hinweg will der junge Künstler mit dem farbenfrohen Werk Impulse zum Handeln geben.
Ein Wirbel von Farben und Figuren zieht einen in den Bann, bis das Auge sich auf einzelne Personen und Gruppen konzentriert. Anfang und Neubeginn sind eben etwas Dynamisches. Vom Schöpfergott ausgehend hat der Künstler im Uhrzeigersinn eine immer enger werdende Spirale gestaltet. Diese Bewegung stellt den pulsierenden Rhythmus des Lebens und der Schöpfung dar. Sie mündet in das zentrale Symbol der Insel Java, den „Berg-Baum“. Er ist ein Bild für die Harmonie zwischen allem, was lebt. So ist diese Vision allumfassenden Zusammenhalts gleichzeitig Ziel und immerwährender Neubeginn. Menschen durchleben Leid und Tod, aber auch Hoffnung und Freude. Menschen fügen Gewalt zu und erleiden Gewalt. Ein und derselbe Mensch kann Opfer und Täter zugleich sein. Alles hängt miteinander zusammen.
Brennende Kirchen
Die meisten Szenen auf diesem vom deutschen kirchlichen Hilfswerk misereor in Auftrag gegebenen Gemälde entstammen persönlichen Erfahrungen Suryo Indratnos. Doch was der 30-jährige Künstler auf Java (Indonesien) erlebt, ereignet sich auch Tag für Tag in anderen Ländern des Südens: Menschenrechtsverletzungen, Unterdrückung und blutige Verfolgung einzelner Volksgruppen wie in Osttimor, Diktatur und Korruption. Auf dem Hungertuch sind Kirchen und Moscheen zu sehen, die in Flammen aufgehen (linker Rand). Die bedrückenden Szenen der Tyrannei gegen Schwache, bedrohliche Schatten der Generale, werden aufgebrochen durch Zeichen der Hoffnung und der Solidarität: Frau und Mann, die sich angesichts des Soldatenstiefels umarmen, die Hände offen und ohne Waffen.
Nur gemeinsam stark
Suryo hat eindrucksvolle Frauengestalten geschaffen. Die Figur im unteren Mittelteil verkörpert die „Mutter Erde“, die verletzt wird durch Ausbeutung und Unterdrückung der Frauen. Sie sieht sehr entschlossen aus – sie sind keine ewigen Opfer, die sich stumm ihrem Schicksal ergeben, sie stehen gemeinsam auf, sie wissen, dass sie ebenso wie die Männer Abbilder Gottes sind (Gen 1, 26). Sie wollen ihre Kinder nicht „für einen jähen Tod zur Welt bringen“ (Jes 65). Statt Gräben zu vertiefen, werden Brücken gebaut. Nur gemeinsam sind wir stark, lautet die Botschaft des Hungertuches. So konfrontiert der Künstler mit dem Thema „Dialog der Religionen“ in einem sehr politischen Sinn. Im Zentrum des Bildes verwendet er Symbole aus allen Weltreligionen, um auf die große Verantwortung hinzuweisen, die ihren Vertretern in Konflikten wie im Kosovo oder in Osttimor zukommt.
Dabei wird der Blick immer wieder auf interessante Details gelenkt. Wie auf den Vogel in der Bildmitte mit den beiden Köpfen: ein Fabeltier aus alter buddhistischer Legende. Während der nach oben gewandte Kopf die guten Früchte verspeist, ist die Situation des nach unten gewendeten verzweifelt, weil er immer nur die Abfälle bekommt. Wie lange kann eine Gesellschaft das aushalten? Schließlich stirbt der ganze Körper!
Kunst als Prophetie
„Neben realistischer Schilderung und Anklage hat der Künstler auch konkrete Zeichen der Hoffnung dargestellt: Frauen und Männer verschiedener Religionszugehörigkeit versammeln sich um den einen Reisberg und essen miteinander. Angehörige unterschiedlicher Kasten reichen sich die Hände und das ganze Volk – Frauen wie Männer – tragen den Bambus, das indonesische Symbol nationaler Identität.Als eine Zeit, in der ein Neubeginn und das Atemholen für die Menschen möglich ist, bezeichnet die Bibel jenes Jubeljahr (Lev 25), das nach Gottes Geschmack ist. Jubeljahr meint die Wiederherstellung zerbrochener Beziehungen zwischen Armen und Reichen, Frauen und Männern, Schuldnern und ihren Gläubigern. Das ist keine Verheißung für eine ferne Zukunft, sondern ein Ansporn für das Jubeljahr 2000: Denn „jetzt ist die Zeit des Heils“ (2 Kor 6, 2).