- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Tassilo Boxleitner
Am Palmsonntag treten wir ein in die Heilige Woche, die Karwoche. Der Gottesdienst mit der Palmprozession und der Verkündigung der Passion mit verteilten Rollen lässt wenig Raum für eine Ansprache, die die Texte aus der Heiligen Schrift auslegt. Es kommt das ganze Ostergeheimnis – die Theologen sprechen vom Pascha-Mysterium – zum Tragen, der Tod ebenso wie der endgültige Sieg über den Tod. Die liturgische Farbe der Gewänder ist das Rot der Märtyrer, die durch das Blutzeugnis für Jesus Christus die Siegespalme errungen haben.
Das Evangelium zur Prozession berichtet vom Einzug Jesu in Jerusalem. Er zieht als Friedensfürst in die Stadt ein. Das wird verdeutlicht durch die Verwendung eines jungen Esels als Reittier anstelle eines Pferdes. Jesus Christus ist der von Gott verheißene Messiaskönig, der unsere Erlösung durch seine Erniedrigung wirkt. In der Fußwaschung am Gründonnerstag wird dies offenkundig, doch schon durch die Verkündigung des dritten Liedes vom Gottesknecht aus dem Buch Jesaja wird dies verdeutlicht: Jesus Christus ist der treue Prophet, der nicht zurückweicht vor Spott und Verfolgung, vor Leiden und Tod. So wird er zur Quelle des Heiles. Für viele heutige Menschen ist es schwer verständlich, dass wir dadurch gerettet sind, dass fremdes Blut vergossen wird. Eine Hilfe zum Eindringen in dieses unergründliche Glaubensgeheimnis wird die Einsicht sein: Nur der kann wirklich andere retten, der sich selbst nicht schont, der das eigene Opfer in Kauf nimmt oder anbietet.
Jesus ist den Weg der Erniedrigung freiwillig gegangen. Das heißt aber nicht, dass er ihn mit Leichtigkeit gegangen wäre. Er bittet seinen Vater, dass er diesen Kelch an ihm vorübergehen lasse. Er leidet unter der Verlassenheit. Diese wird am Kreuz am unerträglichsten. Jesus schreit seine Verlassenheit heraus: Warum war mein Leben ein Leben für andere und nun bleibe ich auf der Strecke – verspottet und ausgelacht für meinen selbstlosen Einsatz?
In Seelsorgsgesprächen höre ich oft dieses „Warum“, vor allem von Müttern: Warum war ich so viele Jahre für meine Familie da und nun erlebe ich Einsamkeit, im Stich gelassen vom Ehepartner und von den erwachsenen Kindern? Der Warum-Schrei Jesu hat eine Adresse: sein und unser Vater. Darf ich dieses „Mein Gott …“ deuten als Ausdruck tiefsten Vertrauens? Von Dietrich Bonhoeffer trage ich das stärkende Wort in mir: „Keinen Weg lässt uns Gott gehen, den er nicht selbst gegangen wäre und auf dem er uns nicht voranginge.“ So wünsche ich Ihnen die liebende Nähe Gottes im Erleben der Heiligen Woche.