Das lange Warten hat Abschiednehmen und befreiende Trauer gelähmt
Ausgabe: 2000/16, Lassing
18.04.2000
- Hans Baumgartner
Die verschütteten Bergleute von Lassing werden nicht mehr geborgen. Auf der Unglücksgrube soll eine Gedenkstätte errichtet werden.
Vergangene Woche teilte Wirtschaftsminister Martin Bartenstein mit, dass die am 17. Juli 1998 in Lassing verschütteten zehn Bergleute nicht mehr geborgen werden. Die verschiedenen Gutachter seien zu dem Ergebnis gekommen, dass die immer wieder versprochene Bergung der Toten mit zu viel Risiko für die Mannschaft, die in die Grube vordringen müsste, verbunden sei. Bevor Bartenstein diese Entscheidung veröffentlichte, hat er mit den Angehörigen der Verunglückten darüber gesprochen. „Diese Fahrt nach Lassing war für den Minister sicherlich nicht leicht, aber es war eine der wenigen ehrlichen und geraden Aktionen in der ganzen tragischen Geschichte“, sagt Pfarrer Paul Scheichenberger. „Zu oft haben die Betroffenen erlebt, wie sie von jenen, die ihnen Hoffnungen gemacht haben, allein gelassen wurden.“
Mit dem Kopf hätten die Angehörigen der Verunglückten schon seit Monaten nicht mehr damit gerechnet, dass ihre Väter, Ehemänner oder Brüder noch aus dem Berg geholt würden, in einem Winkel ihres Herzens aber habe diese Hoffnung weitergelebt. Und der ungepflegteste Friedhof der Welt, der Krater mitten im Ort, habe sie täglich daran erinnert. Hat das endgültige Aus für die Bergung Wunden neu aufgerissen? Die Angehörigen reagieren da unterschiedlich, meint Scheichenberger. „Aber ich denke, dass es für die meisten eine Erleichterung ist, endlich Gewissheit zu haben. Ein langer Karfreitag ist damit endlich zu Ende gegangen. Für manche Angehörige wird es erst jetzt möglich sein, wirklich Abschied zu nehmen und aus der Lähmung von Schmerz, Ungewissheit und Wut zu echter, befreiender Trauer zu finden.“
Erster Befreiungsschritt
Als einen ersten „Befreiungsschritt“ sieht Pfarrer Scheichenberger im Rückblick die Toten- und Auferstehungsgottesdienste für die Verunglückten. Abgesehen von einer Familie, die aus dieser Tragödie auch einen neuen Glaubensweg gefunden hat, wollten die engsten Angehörigen der anderen Opfer zunächst kein Requiem für ihre Toten. „In ihnen sperrte sich zu viel, um diesen Akt des Abschiednehmens zu setzen. Sie hofften, bestärkt durch sehr fragwürdige öffentliche Versprechen, immer noch auf die Bergung. Und es lastete auf ihnen wohl auch der Druck, dass sie Verrat an ihren Angehörigen begehen, so als ob sie mit einem Requiem die Hoffnung und den Anspruch auf die Bergung aufgäben. Während die Verwandten und Freunde dafür waren, nach Monaten des vergeblichen Wartens mit einem Requiem von den Toten Abschied zu nehmen, hat es mich sehr viel Kraft gekostet, davon auch die am schwersten Betroffenen zu überzeugen“, sagt Pfarrer Paul Scheichenberger. Erst nachdem eine Familie dann doch zugestimmt habe, war das Eis gebrochen. Unter ungemein großer Anteilnahme der Bevölkerung fanden dann im Mai letzten Jahres, also fast ein Jahr nach dem Unglück, die Requiem für die Bergleute statt. Danach hatte er, so Scheichenberger, das Gefühl, da ist für die betroffenen Familien, aber auch für den Ort ein Stück des lähmenden Druckes abgefallen, da hat sich, ähnlich wie beim Gang nach Emmaus, das Leben wieder zurückgemeldet.