Mut und Selbstlosigkeit zweier Menschen in einer grausamen Zeit
Ausgabe: 2000/16, Russen, Schwanenstadt, Krieg
18.04.2000
- Ernst Gansinger
Anna Gruber* deutet auf die Sitzbank vor dem Fenster. „Hier ist er gesessen, der 16-Jährige, die Tränen sind ihm heruntergerollt.“ Auf der Bank vor dem zweiten Fenster waren die zwei anderen. „Ich sehe sie heute noch sitzen.“
Es ist das gleiche Zimmer, das gleiche Haus, das nahe Schwanenstadt – wie damals – alleine steht. Damals, 21. April 1945, vor 55 Jahren also, Attnang hatte gerade drei Stunden verheerendes Bombardement hinter sich, damals saßen Vater und Tochter in der Stub’n bei Öllicht, draußen war Nacht. Plötzlich klopfte jemand ans Fenster. Die Tage waren schlimm, es war ratsam, auf der Hut zu sein. Der Vater bewaffnete sich mit einem Küchenmesser und schaute nach.
Triefend nass zitterten sie
Da standen drei armselige Gestalten, russische Häftlinge des KZ Ebensee, die bei den Arbeiten am Bahnhof Attnang eingesetzt waren und das Bombardement zur Flucht nutzten. Anna Gruber, 30 Jahre alt, wusste, als sie die Männer sah, „um was es sich dreht“. Die Männer zitterten, waren triefnass. „Man kann sich nicht vorstellen, so ein Elend.“ Der Vater holte Ersatzgewand. „Bitte, Vater nix melden, nix melden“, flehte der Ältere von ihnen, der ein wenig Deutsch konnte. Die Tochter beruhigte sie. Die fremden Männer wurden aufgenommen. Etwa vierzehn Tage blieben sie, dann ließ es die sich zuspitzende Lage ratsam erscheinen, wieder weiter zu fliehen. Dass das Ende so nah war, wusste man nicht. „Freilich hatten wir Angst, und wir haben jeden Tag gebetet, dass das gut ausgeht“, sagt die heute 85-Jährige. „Ich bin aber froh, dass wir so gehandelt haben. Was wäre das für ein Leben, wenn wir drei Menschen am G’wissen hätten!“
Quartier im Stadl
Die Fensterläden wurden dicht gemacht und die Häftlinge mit Milch und Brot gestärkt, das KZ-Gewand verbrannt. In der Stub’n wurde den Männern ein Platz gewiesen. Geschlafen haben Vater und Tochter in dieser Nacht kaum. Der Stadl war sicherer, dorthin übersiedelten die drei am nächsten Tag. Stets mussten alle auf der Hut sein. Vater und Tochter gingen der Arbeit nach, als wäre nichts geschehen. Der Wunsch der Beherbergten, mitarbeiten zu können, Holzhacken zum Beispiel, war aus Vorsichtsgründen unerfüllbar. Eines Tages kam die Kunde, Militär werde kommen. Die Russen konnten nicht bleiben. Eines Nachts Anfang Mai brachen sie auf, ausgestattet mit Proviant. Vater und Tochter hörten nie mehr etwas von ihnen. Bevor sie fortgingen, übergaben sie einen beschriebenen Zettel. Der werde ihnen helfen, wenn russische Truppen kommen. Anna Gruber steckte den Zettel weg und fand ihn lange Zeit danach im Kochbuch. Sie erzählte ihrem Mann die Hintergründe. Er sorgte für eine Übersetzung (s. Kasten).
*Heute lebt die Frau alleine, ihr Mann starb vor zwei Jahren. Sie hat wieder Angst. Angst, dass durch Berichte über ihr damaliges Handeln Neonazis gegen sie vorgehen könnten. Darum haben wir auch ihre Identität verändert.
Eine Handschrift als Erinnerung
Übersetzung der russischen Handschrift: „Genossen, der Übergeber dieses Schreibens ist ein Bauer, sein Name ist Franz, 60 Jahre alt. Große Hilfe hat er drei russischen Flüchtlingen erwiesen, welche aus dem Todeslager geflohen sind. Genossen, Ruhm und Ehre solchen Leuten, die ... furchtlos ... helfen ... Diese Leute verdienen große Dankbarkeit und Achtung von Seiten des russischen Volkes.“
KZ Ebensee
Knapp 28.000 Häftlinge leisteten hier Zwangsarbeit; von ihnen überlebten 7.000 das KZ nicht. Es wurde 1943 als „Arbeitslager Zement“ errichtet. Die Häftlinge mussten Stollen in den Berg treiben, um ein Raketenforschungszentrum vor Luftangriffen sicher unterbringen zu können. Gegen Kriegsende kamen viele neue Häftlinge. Einer Widerstandsgruppe gelang es, die geplante Vernichtung aller Häftlinge in den Stollen kurz vor der Befreiung durch die Amerikaner am 6. Mai 1945 zu verhindern.
Buchtipp: Arbeitslager Zement, Florian Freund, Verlag für Gesellschaftskritik, ISBN 3-900351-86-4