Jubiläumsgeschenk: Polizeieinsatz gegen friedliche Demonstranten
Ausgabe: 2000/18, Indios, Brasilien
03.05.2000
- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Gerhard Dilger,
Zum 500. Jahrestag der „Entdeckung” Brasiliens griff die Militärpolizei einen Protestmarsch von 3000 Indios mit Tränengas, Knüppeln und Gummigeschossen an. 65 Menschen wurden verletzt.
Alle hatten sich gut auf den großen Tag vorbereitet: Tausende von Indianern, Schwarzen, Studenten, Landlosen und Gewerkschaftern, die am Karsamstag, dem 22. April, gegen soziale Ungerechtigkeit demonstrieren wollten – genau 500 Jahre nachdem der Seefahrer Pedro Alvares Cabral zum ersten Mal die Küste Brasiliens gesichtet hatte. Aber auch Brasiliens Präsident Fernando Henrique Cardoso, der sich anschickte, zusammen mit seinem portugiesischen Kollegen Jorge Sampaio in Porto Seguro an diesem Tag die „Entdeckung“ seines Landes zu feiern. Auf einem Fototermin mit Indianervertretern wollte er Harmonie demonstrieren. Doch daraus wurde nichts: Am Freitag beschlossen die 3000 Teilnehmer der Indianerkonferenz von Coroa Vermelha mit großer Mehrheit, dem Präsidenten ihre Forderungen an einem anderen Tag zu überbringen. „Während die Invasion unseres Landes durch die Weißen gefeiert wird, soll im Ausland der Eindruck erweckt werden, dass die Regierung uns gut behandelt“, sagte Nailton Pataxó Hã Hã Hãe, einer der Organisatoren der Konferenz. „Aber immer hat sie uns vergessen, und ausgerechnet jetzt sollen wir empfangen werden?“
Ungeschützte Gebiete
Die Hauptforderung der Konferenz der Delegierten von 140 Indiovölkern war die Zuweisung und Absicherung von Land. Mehr als die Hälfte der 594 theoretisch anerkannten Indianerterritorien ist noch nicht demarkiert (abgegrenzt und geschützt). In 85 Prozent des Indianerlandes dringen regelmäßig Siedler, Goldschürfer und große Holzfirmen ein. Auch die Agrar- und Pharmaindustrie sowie Bergbaukonzerne sind an der Ausbeutung vielfältiger Ressourcen interessiert. Riesige Verkehrs- und Kraftwerksprojekte gefährden das Siedlungsgebiet der Ureinwohner. Die Regierung hat in den letzten Jahren kontinuierlich die Mittel für die Demarkierungsprozesse gekürzt und ergreift bei konkreten Konflikten meist Partei für antiindianische Interessengruppen.
Blockade des Rechts
Roraima, der Bundesstaat an der Grenze zu Guyana und Venezuela, ist eines der bekanntesten Beispiele: Die dortigen Indiovölker, darunter die Yanomami und die Macuxi, sehen sich der wohl indianerfeindlichsten Politikerkaste in ganz Brasilien gegenüber. Der ist es bisher gelungen, die von der Bundesregierung längst versprochene Demarkierung des Gebietes Raposa-Serra do Sol im Nordosten des Staates zu blockieren. Bereits als Kind hat der Macuxi-Kazike Melquiades Neto miterlebt, wie in seiner Nachbarschaft Hütten in Brand gesteckt wurden. Auf dem fruchtbaren Savannengebiet, in dem 12.000 Indianer aus vier Völkern leben, sind auch weiße Viehzüchter und Reisbauern aktiv. „1978 haben wir sogar selbst den Weißen das Land abgekauft, was eigentlich die Aufgabe des Staates gewesen wäre“, erzählt er. Doch es half alles nichts: Die Landesregierung versucht, die Indianer gegeneinander auszuspielen und ist nur bereit, ihnen das Gebiet stückchenweise zu überlassen.In den letzten Jahren wurden in dem Gebiet 21 Indios ermordet, andere wurden bedroht oder entgingen Mordanschlägen nur knapp; 71 landeten vorübergehend unschuldig im Gefängnis.
Friedliche Proteste erstickt
Am Morgen des Karsamstags schlug die berüchtigte Militärpolizei des Staates Bahia zu. Zu- nächst ging sie im Zentrum von Coroa Vermelha mit Tränengas, Knüppeln und Gummikugeln auf die Teilnehmer eines Protestzugs der Schwarzenbewegung los und nahm 140 Menschen fest. Die Indios brachen wenig später von dort zum 20-Kilometer-Marsch nach Porto Seguro auf, wo die offizielle „Regierungsfeier“ stattfinden sollte. Doch bereits nach einer halben Stunde kam das Aus: Mehrere Hundertschaften der Militärpolizei lösten den friedlichen Marsch brutal auf. 65 Menschen wurden verletzt, sechs ins Krankenhaus eingeliefert. Stundenlang wurden auch 30 Angehörige des Indianermissionsrats CIMI von den Polizisten festgehalten, unter ihnen auch CIMI-Präsident, Bischof Gianfranco Masserdotti. Der dritte Schlag der Militärpolizei richtete sich gegen mehrere tausend Landlose, die vom Nachbarort Eunápolis nach Porto Seguro fahren wollten. Die Küstenstadt war von über 5000 Militärpolizisten hermetisch abgeriegelt worden. Am Nachmittag trafen Cardoso und Sampaio in Porto Seguro ein und besuchten den historischen Stadtkern. Das brasilianische Staatsoberhaupt erinnerte in seiner wohlgesetzten Tischrede auch an die Schattenseiten der letzten 500 Jahre. „Der Preis für die Ausweitung der Grenzen unseres Territoriums war die Eliminierung indigener Völker, woran uns deren Vertreter heute zu Recht erinnern“, sagte Cardoso. Die Proteste der Landlosen seien ein „Echo“ der „Sklaverei, die bis heute auf der brasilianischen Gesellschaft lastet und sie zu einer der ungerechtesten Gesellschaften der Welt macht.“ Es handle sich um die „unbequeme, aber notwendige Erinnerung daran, dass die Konzentration des Landbesitzes weiterhin Millionen von Brasilianern von den Früchten der Entwicklung ausschließt“. Noch am Vortag hatte der Präsident den Aktivisten der Landlosenbewegung MST eine „faschistische Mentalität“ vorgeworfen. Nach der Auflösung der Demonstrationen entschuldigte er sich für den „Übereifer“ seines Sicherheitsteams. Der zuständige Minister, General Alberto Cardoso, lobte derweil die Polizei für ihren „angemessenen Einsatz“.
Ein moralischer Sieg
Aus Protest gegen die „Aggression der Regierung gegen die organisierte Indianerbewegung“ kündigte Carlos Marés, der Vorsitzende der staatlichen Indianerbehörde Funai, seinen Rücktritt an. „Es war nicht die Schuld einer unvorbereiteten Polizeieinheit, sondern es zeigt die Unfähigkeit der Regierung, mit der sozialen Frage umzugehen“, sagte der renommierte Rechtsanwalt.Am Samstagnachmittag traten die Delegierten der Indianerkonferenz die Heimreise an. Trotz des abrupten Endes sprach Indioführer Aurivam Truká von einem „großen moralischen Sieg“. Der mehrwöchige Sternmarsch der Indios durch das ganze Land unter dem Motto „Brasilien: 500 andere Jahre“ und die viertägige Konferenz waren die bisher größte landesweite Mobilisierung der brasilianischen Indianer/innen.
„Hier kniete ich und flehte um Frieden“
Vergebens hatte er versucht, die Gewalt der Polizei gegen die Indios zu verhindern. Zwei Tage später sprach der 18-jährige zu seinem Volk.
Ich spreche hier durch alle in Brasilien geborenen Völker, die bei unserem Marsch teilnahmen, der „andere 500 Jahre“ wollte. Wir können nicht verstehen, was die Regierung mit uns machte. Als das Militär vorrückte, stellte ich mich vor die Sondereinheit, damit sie mir ein Ende setzen kann, damit sie nicht meinem Volk ein Ende setzt, das vor der Auslöschung steht. Ich habe zuerst zu Gott gebetet, dass er mich beschütze, vor allem Bösen, das mit mir geschehen wird. Ich öffnete meine Hände und bat um die Erleuchtung des Vaters, dass Er mich beschütze. Hier stand ich, die Erniedrigung aller Völker in mir und ich erniedrigte mich und sagte: Stopp damit! Wir hatten doch nur mit Spruchbändern und Tafeln protestiert und auf unsere T-Shirts „andere 500 Jahre“ geschrieben. Ich spürte den Schmerz in mir. Hier kniete ich und flehte Frieden, flehte Frieden. Es hörte mir aber niemand zu, da ich nur ein Mensch bin und kein Regierender. Ich gelangte an die Spitze der Truppe und flehte sie an, aufzuhören. Wir konnten nicht noch einmal massakriert werden am Anfang der anderen 500 Jahre. Hier erinnerte ich mich, wie Cabral brasilianischen Boden betrat, ich gedachte jener 500 Jahre, die meinem Volk Massaker und Gewalt brachten. Ich rutschte einige Meter auf den Knien weiter und bat sie, aufzuhören. Ich hörte einen Soldaten sagen, dass sie nur ihre Pflicht erfüllen. Als ich aufstand, sah ich einen, der wieder ein Geschoss warf, ein weiteres Geschoss in Richtung meines Volkes. Ich breitete meine Arme aus, damit er es mir zuwirft und nicht gegen mein Volk. Ich wurde getroffen und fiel zu Boden. Ichversuchte aufzustehen und wurde von der Truppe getreten. Ich fühlte mich wie ein Tier. Ich weinte. Ich war ein getretener Indio, getreten am Anfang einer neuen Ära der 500 Jahre. Ich weinte und fragte mich, was sie hier machen.
Indios fordern ihre Rechte ein
Vom 17. bis 22. April tagten in Coroa Vermelha im Bundesstaat Bahia mehr als 3000 Vertreter von 140 Indianervölkern Brasiliens. Zuvor sind sie in einem teilweise mehrwöchigen Weg der Erinnerung durch das Land zum Veranstaltungsort gezogen. „Wir wiederholten diesen Weg des Kampfes, der Unterdrückung und des Schmerzes, um die Geschichte wieder in unsere eigenen Hände zu nehmen und die Richtung in eine würdige Zukunft aufzuzeigen“, heißt es im Schlussdokument der Konferenz. „Darum sind wir den Spuren unserer Vergangenheit gefolgt mit dem Blick auf die Zukunft, verbündet mit den Schwarzen und den Volksbewegungen, um eine größere Allianz zu bilden: den Widerstand der Indios, der Schwarzen und des (entrechteten) Volkes. Der brasilianischen Bundesregierung legten die indigenen Völker 20 Forderungen auf dem „Jubiläumstisch“. Sie verlangen darin u. a. die Erfüllung und Einhaltung der in der Bundesverfassung garantierten Rechte, die Beteiligung an allen politischen Entscheidungen, die Angelegenheiten der indigenen Völker betreffen, eine Revision der brasilianischen Geschichte in den Schulbüchern, den Ausbau eines eigenständigen Bildungs- und Gesundheitswesens und ein Ende jeglicher Form von Diskriminierung und Verfolgung sowie die Aufklärung und Bestrafung aller Verbrechen gegen Indios. Das zentrale Anliegen der Konferenz war die Sicherung (Demarkierung) aller indigener Gebiete bis zum Ende des Jahres 2000, Garantie und Schutz für diese Gebiete und der Abzug aller Invasoren aus den Indianergebieten, das Recht der ausschließlichen Nutzung der Ressourcen und das Einstellen aller zerstörerischen Großprojekte.