Manchmal denk’ ich, es ist schon komisch, mit wie wenig Hirn viele Menschen heute glauben. Besonders, wenn ich mir den gängigen Spiritualitäten- und Psychomarkt anschaue.Schamanen feiern eine fröhliche Wiedergeburt. Der Anspruch nach Heilung im medizinisch-therapeutischen Sinn vermischt sich heillos mit einer diffusen Sehnsucht nach religiös-spirituellem Heil. Sicher, auch in der Bibel geht es um ganzheitliche Heilung, und in archaischen Zeiten waren die Priester und Priesterinnen immer beides: Kräuter-Heilkundige und Seelenheil-Kundige.
Nicht der dahinterliegende Wunsch nach Transzendenz in einer radikal diesseitig gewordenen Welt beunruhigt mich, sondern dass Erfahrung und der Erlebnis-Kick alles zählen, ihre kritische Reflexion scheinbar nichts.Da finde ich es schon bemerkenswert, dass es für die alten Theologen wichtig war, den Glauben mit dem Verstand zu erhellen. Und kein Mystiker, keine Mystikerin hat nur gebadet in religiöser Selbsterfahrung, sondern diese immer wieder kritisch befragt und hinterfragt.Seltsam dass in unseren Tagen Verstand und Glaube oft so wenig zusammengedacht werden. Vielleicht weil mit dem Verstand Kühle oder gar Herzlosigkeit verbunden wird, und nicht einfühlendes Verstehen, Bedachtsamkeit und genaues Hinschauen, das Verständnis weckt und so manchen Gefühlsnebel erhellt.
Diese Gabe des Verstandes zu nutzen heißt auch, im Glauben erwachsen werden. Das meint: in der religiösen Weltdeutung eben nicht zu bleiben wie die Kinder, sondern aus dem Dunkel des magischen Denkens herauszutreten in das Licht des Verstehens. Denn gerade auf dem Feld des Religiösen genügt oft nur ein unbedachter Schritt, und man versinkt in der „Schlammflut des Okkulten“ oder gerät in schwer durchschaubare Abhängigkeiten, ist unwissentlich Marionette spirituell verbrämter Machtspiele geworden. Insofern ist die Gabe des Verstandes ein wahrhaft erleuchtendes Geschenk, das wie eine Suchlampe die Ab- und Hintergründe unserer Existenz erhellen kann – wenn wir sie benützen.