Neben den Indios und den Landlosen zählen die Sklaven aus Afrika zu den Opfern der 500-jährigen Geschichte Brasiliens. Áurea setzt sich in einem Projekt der Jesuiten für ein neues Selbstbewusstsein der Afro-Brasilianer ein.
Schon auf den ersten Blick teilt Áurea Silva da Encarnação einen Teil ihrer Persönlichkeit mit. Die 34-jährige Bahianerin hat ihr Haar zu Zöpfen geflochten – nicht hell verfärbt und geglättet. Ihre afrikanische Frisur unterstreicht vielmehr: „Ich bin stolz, eine Schwarze zu sein.“ Das ist nicht selbstverständlich in Brasilien. Denn Áurea stemmt sich gegen eine 500-jährige Geschichte. Erst ihr Urgroßvater wurde als Kind aus Angola nach Brasilien als Sklave verschleppt, wie fünf Millionen andere Afrikaner seit dem 16. Jahrhundert, mehr als in jedes andere Land. Erst 1888 hatte Brasilien als letzte Nation die Sklaverei abgeschafft.Doch die Jahrhunderte der Unterdrückung haben sich nicht nur in der Herrschaftsordnung zur Ausbeutung farbiger Arbeitskräfte festgesetzt: von der Slaverei zur elenden Bezahlung von weniger als einem „Mindestlohn“ heute.
Sklaverei verinnerlicht
Die Unterdrückung hat auch das Denken und die Seelen besetzt – nicht nur der Weißen. Die Mehrheit der Afro-Brasilianer traut nach wie vor Weißen mehr Intelligenz zu oder findet helle Haut und blonde Haare schöner. Die Vorherrschaft der Weißen in Politik und Wirtschaft bestätigen Áurea: die Sklaverei ist verinnerlicht. In den Favelas von Salvador da Bahia, der Millionenstadt im Nordosten, leben in der großen Mehrheit Afro-Brasilianer. Den Nachfahren der einstigen Sklaven wird bis heute von der weiß dominierten Gesellschaft der Zugang zu Bildung und Besitz verweigert. Hier, im „Zentrum für soziale Studien und Aktionen“, das Jesuiten aufgebaut haben und vom Hilfswerk Misereor finanziert wird, organisiert Áurea „afro-brasilianische Werkstätten“. Hier treffen sich Jugendliche und lernen, ihre Herkunft, ihre Geschichte und ihre Kultur anzunehmen. In den Werkstätten erlernen sie die Fertigung ihrer eigenen Kleidung, das Zubereiten traditioneller Speisen oder die Produktion von Musikinstrumenten und Keramik. Auch Touristenführer werden ausgebildet, die sich besonders dem verdrängten und verleugneten Brasilien der Farbigen widmen. Fast 300 Jugendliche nehmen jährlich an den Kursen teil. Damit sollen sie, so hofft Áurea, bessere Chancen in einer ungleichen Gesellschaft erhalten.
Selbstsicherheit
„Ich komme aus einer armen Familie, und habe es geschafft. Nun möchte ich Kindern helfen, ihre Möglichkeiten zu entdecken, die wegen des sozialen Elends am Rande der Kriminalität und der Verwahrlosung leben“, erzählt die Pädagogin. Sie lacht, wie immer, wenn sie versucht, etwas von sich zu erklären. Aber nicht verschämt, sondern frei heraus über die Weißen, die auf das neue Selbstbewusstsein der Schwarzen mit viel Unverständnis reagieren. Die stolze Frau lacht über die weiße Unsicherheit gegenüber soviel schwarzer Selbstsicherheit. Denn Áurea und ihre Mitstreiter haben erkannt: Hinter dem Rassismus, der die Hautfarbe zum Werturteil über Menschen macht, verbirgt sich bohrender Neid auf das, was die Weißen nicht haben.
Es liegt im Blut
In einer endlosen, schmutzigen Favela beginnt plötzlich ein anderes Leben. Jugendliche aus der afro-brasilianischen Werkstatt künden es an: einzelne Trommelschläge, die sich zu einem rhythmischen Klangbild vereinigen, das die trostlose Umgebung entrückt. Lautstark wird der Dämon Rassismus ausgetrieben und das Recht auf Chancengleichheit ertrommelt. Áurea und die Trommler wissen und spüren: Sie sind schön. „Es liegt uns im Blut“, sagt die Afro-Brasilianerin. Und sie lachen zum Beobachter herüber.