- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Angelika Pressler
Wenn ich einen Begriff nicht recht in den Griff bekomme, greife ich oft zum Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache. Warum mir also nicht auch bei der „Gabe des Rates“ dort Rat holen? Ich staune: Das Wörtchen „Rat“ wohnt in einem vielfältigen und mehrdeutigen Umfeld. Im mittelhochdeutschen Sprachgebrauch ist Rat jenes Mittel, das zum Lebensunterhalt notwendig ist. Der Vorrat, das Gerät, der Hausrat, selbst die Heirat im Sinn von das Haus besorgen, und der Unrat, das nicht Notwendige sind Abkömmlinge dieser Bedeutung. Sollte die Gabe des Rates etwas Lebensnotwendiges sein?
Wer einen Vorrat anlegt, ist fürsorglich und vorausdenkend; so heißt die Bedeutung von „raten“ auch: sich etwas zurechtlegen, überlegen, ersinnen, eben „er-raten“. Genau das öffnet aber den Blick hin zur Doppelbödigkeit des „Ratens“: Ich kann raten, nach dem Motto „probieren wir, was kommt raus“, und nicht selten kann mir dabei so einiges missraten und mich in Orientierungslosigkeit stürzen. Da ist dann guter Rat teuer, und das Beratungsgeschäft blüht. Raten und gut beraten sein, das kann aber auch heißen, mich einlassen auf das Rätsel, das Geheimnis des Lebens. Mich auf Spurensuche begeben, wie eine Detektivin Indizien und Beweisstücke sammeln, die mir zeigen, mein Leben ist wertvoll und hat Bedeutung.
Raten heißt ursprünglich nämlich auch: deuten. Aber nicht im Sinne von herumdeuteln, sondern dass wir darauf angewiesen sind, unsere Erfahrungen und Wahrnehmungen zu deuten. Es kommt allerdings darauf an zu wissen, mit welcher Brille wir es tun. Wie deute, „er-rate“ ich die Zeichen der Zeit? Mit welcher Brille deute ich mein Leben? Mit der der Sattheit oder jener mit dem Röntgenblick, die schemenhaft das Dahinter erkennt, die aber auch weiß um die Vorläufigkeit des Geratenen. Ist die Gabe des Rates eine solche Brille, mit der wir dem Rätsel unseres Lebens Deutung, Be-deutung und damit Sinn geben, ohne das Geheimnis je ganz lösen zu können? Fast glaube ich, dass wir ohne diese Gabe „nicht sehr verläßlich zu Hause sind in der gedeuteten Welt“.