Vor zehn Jahren veröffentlichten die Bischöfe den Sozialhirtenbrief
Ausgabe: 2000/19, Sozialhirtenbrief,
09.05.2000
- Hans Baumgartner
Vor zehn Jahren wurde der Sozialhirtenbrief der österreichischen Bischöfe veröffentlicht. Er hat viele heiße Eisen angesprochen. Aber hat er auch etwas bewirkt? Das fragten wir P. Alois Riedlsperger von der Katholischen Sozialakademie.
Am 15. Mai 1990 wurde der Sozialhirtenbrief veröffentlicht. Welche Spuren hat er hinterlassen, was bewirkte er? Riedlsperger: Dem Sozialhirtenbrief ist ein breiter Diskussionsprozess vorausgegangen, ein sehr offenes und intensives Hinhören auf die unterschiedlichen Anliegen und Lebenswirklichkeiten der Kirchenbasis, ein fruchtbarer Dialog zwischen den Betroffenen, den Experten und den Amtsträgern der Kirche. Durch diesen Vorgang ist ein Bewusstsein entstanden, so und nicht anders müsste es geschehen, wenn sich die Kirche zu wichtigen Fragen ein Urteil bildet, das eigene Gewissen bildet und öffentlich Stellung bezieht. Für mich ist das ein ganz wichtiges Ergebnisse des Sozialhirtenbriefes – ein Modell, nicht nur für die Kirche.
Wo wurde der Hirtenbrief zum Impuls für konkrete soziale Veränderungen? Riedlsperger: Ich denke, der Hirtenbrief hat zur Sensibilisierung vieler Christen in der Ausländerfrage beigetragen. Die aufgehenden Ostgrenzen und die Kriege auf dem Balkan haben zu einer politischen Zuspitzung dieses Problems geführt. In diesem Konflikt haben viele Christen, kirchliche Organisationen und Einrichtungen durch die Aufnahme von Flüchtlingen und öffentlichen Protest gezeigt, was ihnen Solidarität und Menschenwürde bedeuten. Die Politik hat dieses Engagement leider nicht genutzt, sondern sich von ausländerfeindlichen Populisten treiben lassen. Die deutlichen und auch selbstkritischen Worte des Hirtenbriefes für die Rechte und gegen die Benachteiligung der Frauen in Kirche und Gesellschaft haben dazu beigetragen, dass in den meisten Diözesen Frauenkommissionen eingerichtet wurden, von denen z. T. recht konkrete Initiativen ausgingen wie etwa die kritische Durchleuchtung von „Frauenkarrieren“ in der Kirche. Dass von den politischen Forderungen, abgesehen von der besseren Anrechnung von Erziehungszeiten für die Pension, kaum etwas umgesetzt wurde, teilt das Hirtenwort mit dem Frauenvolksbegehren.
Im Sozialhirtenbrief wird dem gemeinsamen freien Sonntag und der Sonntagskultur ein großer Stellenwert eingräumt. Wie wurde das gehört?
Knackpunkt Sonntag
Riedlsperger: Das Thema kam sicherlich deshalb in den Hirtenbrief, weil wir von der Basis viele Meldungen bekamen, wie die Sonntagsruhe schleichend ausgehöhlt wird. Die Industrie reagierte damals ziemlich sauer und die Politik versuchte abzuwiegeln. Die Entwicklung aber hat dem Hirtenbrief Recht gegeben: die Versuche, die Sonntagsruhe zu durchlöchern, nehmen zu. Es wächst aber auch das Bewusstsein, wie wichtig der gemeinsame arbeitsfreie Sonntag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, für die Familien, die Vereine, die Gemeinden etc. ist. Die große Unterstützung der „Allianz für den Sonntag“, auch aus Kreisen der Wirtschaft und Gewerkschaft, machen das deutlich. Die Sonntagsfrage ist für mich auch ein Knackpunkt, an dem sich zeigt, wie die Kirche wirtschaftliche Entwicklungen einschätzt. Hier wird ihr Nein zu den zunehmend totalitären Zügen der Ökonomisierung aller Lebensbereiche deutlich, ihr Nein dazu, den Menschen, seine Lebensvollzüge und seinen Wert nur noch aus dem Blick der Wirtschaft zu sehen.
Mehr Markt und weniger Staat ist heute die Parole. Lassen sich damit die anstehenden sozialen Fragen gerecht lösen?
Riedlsperger: Der Sozialhirtenbrief fordert mehrfach das Eingreifen des Staates, wenn es um soziale Gerechtigkeit, um die bekämpfung von Armut, Ausgrenzung oder Arbeitslosigkeit geht. Es ist eine gefährliche Illusion, die Lösung der neuen sozialen Fragen allein dem Markt oder den Regelmechanismen rivalisierender Gruppeninteressen zu überlassen. Leider ist die Parole „Staat lass nach“ auch bei uns politisch salonfähig geworden. Nützen tut das den wirtschaftlich gut Abgesicherten, während die Schwächeren, die sich bestimmte Dinge nicht selber organisieren können, auf der Strecke bleiben. Ein Beispiel: Wenn, wie jetzt geplant, die Beiträge für die Arbeitslosenversicherung gesenkt werden, dann nützt das den Unternehmen und denen, die Arbeit haben. Auf der anderen Seite aber fehlt das Geld, um möglichst viele Arbeitslose so schulen und betreuen zu können, dass sie wieder eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben. Es ist schon richtig, dass wir eine Reform des Sozialstaates brauchen. Aber der Hirtenbrief fordert nicht einen Abbau, sondern einen Umbau des Sozialstaates, damit dieser seiner solidarischen Schutzfunktion gegenüber den Schwa- chen besser nachkommt.
Das neue Gesicht der Armut
Als der Hirtenbrief von einer „neuen Armut“ sprach, stieß er vielfach auf Unverständnis. Ist das immer noch so?
Riedlsperger: Ich denke, dass der Hirtenbrief ein wichtiger Anstoß war, dass die Tatsache, dass in Österreich Hundertausende Menschen in akuter Armut leben oder von Armut bedroht sind, ins öffentliche Bewustssein gerückt ist. Es freut mich auch, dass es unter starker Beteiligung vieler engagierter Christen und kirchlicher Initiativen und Einrichtungen gelungen ist, mit der Armutskonferenz und den verschiedenen lokalen und regionalen Armutsnetzwerken ein Anliegen des Hirtenbriefes auf den Weg zu bringen. Ich meine damit sowohl die Aktivierung zivilgesellschaftlicher Kräfte und damit der Eigenverantwortung zu solidarischem Handeln als auch eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen sozialen Initiativen, öffentlichen Einrichtungen und Experten. Zur Bekämpfung der neuen Armut, die uns nicht mehr in den traditionellen Klassen – hie Arbeiter, dort Unternehmer etc. – entgegentritt, sondern die oft von sehr individuellen Lebensumständen abghängt (Arbeitslose, Alleinerzieher, Mehrkindfamilien, kleine Bauern und Gewerbetreibende, Obdachlose, Flüchtlinge u. a.), brauchen wir neue Menchanismen des genauen Hinschauens und des sozialen Ausgleichs. Dass die politischen Parteien und großen Interessenverbände nur sehr zögerlich in diesen Dialog einsteigen, halte ich für falsch. Dabei spielt möglicherweise die Angst, man könnte zum Sündenbock für Mißstände gestempelt werden, eine Rolle, aber auch die falsche Einsätzung gesellschaftlicher Entwicklungen. Wer nicht bereit ist, die massiven Veränderungen in der Arbeitsgesellschaft durch die rasanten technischen Entwicklungen zur Kenntnis zu nehmen, der wird weiter auf veraltete Vollbeschäftigungs-Strategien setzen. Und er wird gegen die zunehmende Aussonderung von älteren oder weniger flexiblen Menschen aus dem Arbeitsmarkt oder gegen das Anwachsen von prekären Arbeitsverhältnissen, die zum Leben nicht ausreichen, keine wirklichen Lösung finden. Die Folge ist, dass man mit falschen „Rezepten“, etwa mit noch mehr Druck auf Arbeitslose, antwortet oder dass die Angst der Modernisierungsverlierer missbraucht wird, indem sie gegen – meist noch schwächere – Sündenböcke aufgehetzt werden.
Zur Sache:
„Die Lösung der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Probleme verlangt eine ganz neue Zusammenarbeit aller Christen“, hieß es im Sozialhirtenbrief von 1990. Mit dem ökumenischen Sozialwort soll diese neue Zusammenarbeit ein konkretes Gesicht bekommen. 14 christliche Kirchen in Österreich wollen gemeinsam zu sozialen und gesellschaftlichen Herausforderungen Stellung beziehen. Ausgangspunkt für das Sozialwort soll eine breite Erhebung der sozialen Praxis der Kirchen sein. „Wir wollen uns selbstkritisch fragen, was wir als Kirchen an den sozialen Brennpunkten unserer Gesellschaft tun, wir wollen vom unterschiedlichen sozialen Engagement der Kirchen gegenseitig lernen und wir wollen von den Experten und den Praktikern vor Ort erkunden, wo im österreichschen Sozialnetz die größten Löcher, der größte Handlungsbedarf ist“, umreißt KSÖ-Chef P. Alois Riedlsperger SJ die erste Phase. Der Start dazu erfolgt am 17. September, derzeit wird der „Fragebogen“ in der Praxis getestet. Riedlsperger hofft auf eine breite Beteiligung in der Erhebungsphase. Eingeladen sind kirchliche Einrichtungen, Initiativen und Organisationen, die sich sozial bzw. sozialpolitisch engagieren, vom Sozialausschuss der Pfarre bis zur Diakonie, vom Ordensspital bis zur Wärmestube für Obdachlose, vom Arbeitslosenprojekt bis zur Familienhilfe. Das Ergebnis dieser Erhebung wird in einem Sozialbericht veröffentlicht, der dann die Grundlage für das Sozialwort der Kirchen bildet.
Ab sofort gibt es laufende Informationen im „Sozialwort-Newsletter“. Zu bestellen bei: ksö, Schottenring 35, 1010 Wien, oder auf der Homepage www.sozialwort.at
Zitate:
Es genügt nicht, allgemeine sittliche Grundsätze zu verkünden. Die Kirche muss sich auch dafür einsetzen, dass diese verwirklicht werden (10). Das eigentliche Ziel der Wirtschaft besteht weder in der vermehrten Produktion als solcher, noch in der Erzielung von Gewinn, sondern im Dienst am Menschen (17). In Österreich gibt es eine beachtliche Anzahl von Menschen, deren Lohn nicht ausreicht, für sich selber und die eigene Familie einen Lebensunterhalt zu garantieren, der ein menschenwürdiges Leben erlaubt (38). Die Krise der Landwirtschaft kann nicht ausschließlich der ländlichenBevölkerung aufgelastet, aber auch nicht bloß dem Markt überlassen werden (45). Trotz günstiger Konjunktur und beachtlichen Wirtschaftswachstums ist es nicht gelungen, das Problem der Arbeitslosigkeit befriedigend zu lösen (33). Das für die Lösung der neuen sozialen Fragen so notwendige Gemeinwohl ist nicht das automatische Ergebnis rivalisierender Gruppeninteressen oder der Marktmechanismen. Dazu bedarf es des ethisch orientierten sozialpolitischen Handelns des Staates (94).