Die Kirche muss das Mea Culpa des Papstes jetzt nachvollziehen!
Interview mit dem langjährigen „Jerusalem Post“-Chefredakteur Ari Rath*
Ausgabe: 2000/19, Papst, Mea Culpa, Jerusalem Post, Ari Rath, Israel, Puchberg
09.05.2000
- Martin Kranzl-Greinecker
Herr Rath, zur Stunde dieses Gesprächs erinnert sich Österreichs Regierung an das Ende des Zweiten Weltkrieges. Wie ist Ihre Erinnerung an die Zeit der NS-Diktatur und der Krieges?
Jeder jüdische Mensch, der überlebt hat, besitzt sein eigenes Trauma beim Gedanken an diese Zeit. Meine Schicksalsfrage lautet: Was wäre gewesen, wenn ich am Allerheiligen-Abend 1938, an dem mich SS-Leute von der Straße weg auf einen LKW verfrachteten, nicht davongelaufen wäre und tags darauf mit dem ersten Transport nach Triest und weiter nach Israel gefahren wäre?
Österreich steht im Mittelpunkt internationaler Kritik, wegen mangelnder Vergangenheitsbewältigung einerseits und wegen der FP-Regierungsbeteiligung. Wie stehen Sie dazu?
Ich übe volle Kritik an dieser Regierung, weil ich eine Koalition mit der FPÖ ablehne. Haider ist für mich ein demagogischer Populist, wenn auch kein Neonazi.
Sehen Sie die Gefahr eines neuen, offenen Antisenitismus, wie er seit kurzem in Wien wieder aufzukommen scheint?
Was die Regierung betrifft, so ist von ihr in diese Richtung wohl nichts zu befürchten. Auch Haider ist für offenen Antisemitismus viel zu gescheit. Und es ist zu bedenken, dass der Antisemitismus ein Österreich ohne Juden erreicht. Einst zählte Wien 185.000 jüdische Einwohner, heute sind es einige Tausend. Die Wurzel für Antisemtismus und Fremdenhassliegt weit zurück. Ich hoffe aber, dass Österreich alle rassistischen Vorurteile überwindet, selbst wenn mich das letzte Wahlergebnis wenig optimistisch stimmt.
Israel ist ein Land, in dem viele Einwanderer zusammenleben. Zwischen den ethnischen Gruppen gibt es schwere Konflikte. Wie löst Israel seine Probleme?
Es gibt wirklich viele Spannungen, aber ich bin überzeugt, dass wir es schaffen, nicht nur am Papier sondern auch in der Realität echte Gleichberechtigung aller Volksgruppen herbeizuführen. Ich setze auf die Erziehung junger Menschen zu Werten wie Toleranz, Gewaltverzicht, Versöhnung.
Wie bewerten Sie das Schuldbekenntnis des Papstes und den Besuch im Hl. Land im März ?
Dieses „Mea Culpa“ war für mich die seelische, geistige und politische Vorbereitung des Papstes auf seine Wallfahrt ins Heilige Land. Der Besuch war glaubwürdig und das Verhalten des Papstes halte ich für bewundernswert. Ich gehöre nicht zu jenen, die den Wortlaut seiner Erklärungen zerpflücken. Vielmehr messe ich der Vergebungsbitte des Papstes die Chance der Aussöhnung von Juden und Christen bei. Es kommt darauf an, dass die ganze Kirche, die Bischöfe, Pfarren und Gläubigen das Mea Culpa nachvollziehen und eine Kultur der Versöhnung entwickeln.
* anlässlich eines Besuchs im Schloss Puchberg bei Wels am 4. Mai 2000
Steckbrief: Ari Rath wurde 1925 in Wien als Sohn jüdischer Unternehmer geboren (sein ursprünglicher Vorname war Arnold). Nach Hitlers Machtübernahme erlebte er wie alle anderen jüdischen Österreicher/ innen, was es bedeutet, über Nacht vogelfrei zu sein. Im November 1938 verließ der Gymnasiast Wien und emigrierte nach Israel. Nach seiner Schulausbildung begründete er einen Kibbuz, in dem er 16 Jahre lang lebte. Dann war Ari Rath 31 Jahre als Herausgeber und Chefredakteur der „Jerusalem Post“ journalistisch tätig. Der angesehene Publizist, der in einem Vorort Jerusalems lebt, ist ein strikter Befürworter des Nahost-Friedensprozesses.