Schnapp sie dir alle! Die Pokémons und andere Fantasiefiguren
Ausgabe: 2000/19, Pokemon, Teletubbies
09.05.2000
- Maria Haunschmidt
Um ein Pokémon-Plüschtier als Geburtstagsgeschenk für Simon zu ergattern, ist seine Mutter von Geschäft zu Geschäft gelaufen – sie waren fast ausverkauft.
Die kugelige Kultfigur darf nun sogar im Bett des neunjährigen Simon schlafen. Pokémon heißt so viel wie Taschen-Monster, und es hat seinen Ursprung in Japan, eroberte aber auch schon die Kids in Amerika. Seit der Zeichentrickfilm ins deutschsprachige TV kam, fegt das Pokémon-Fieber wie ein Wirbelsturm über unsere Kinderzimmer. Es stellt eine ernsthafte Bedrohung für die lang gediente Diddl-Maus-Mode dar. Das Motto heißt: „Schnapp sie dir alle!“ Es gibt Sammelkarten, Videospiele, Plüschtiere, einen Song, einen Kinofilm ...
Es geht ums Kämpfen
Bei den kreischenden und aufregenden Filmszenen geht es um Abenteuer, Fantasie, Kampf, Attacken und um Wettbewerbssituationen. Es gibt ständig Herausforderungen. Im Notfall gebiert der Pokémon-Ball eine neue Figur, die mitkämpft. Die Attacken gehen vom Blutsaugen bis zum PSI-Strahl. Andererseits zählen gute Freunde. Man bleibt zusammen, jetzt und allezeit. Das gefällt den Kindern, die heute oft keine Geschwister und wenige Freunde haben. Eltern sind erstaunt über die kindliche Gedächtnisleistung: Sich die 151 Pokémon-Namen auswendig zu merken, das gehört beinah ins Buch der Rekorde, noch dazu bei unaussprechlichen Namen wie Pikacho, Rasaf, Genaga, Machomei, Turtok ... „Es taugt mir, weil es so viele gibt, und weil sie Attacken machen. Das schaut cool aus!“, ist Stefan, der heuer zur Erstkommunion kommt, angetan. Jetzt tun auch schon die Mädchen beim Sammeln und Tauschen mit!“, weiß er. „Eine Geschäftemacherei. Die machen fette Kohle damit!“, meint dazu der zwanzigjährige Christoph lapidar, zu dessen Zeit die Schlümpfe „in“ waren. Die für Erwachsenenaugen hässlichen Figuren zeigen jedenfalls, was Medien heute vermögen – nämlich Kids rund um den Erdball zu vereinigen. Die irritierenden Moden spiegeln den momentanen Zeitgeist wider.
Pummelige Teletubbies
Parallel zu den Pokémon-Figuren fahren Kleinkinder wie verrückt auf die pummeligen Teletubbies ab, die nun sogar von wissenschaftlicher Seite den Freibrief haben, keinen psychischen Schaden anzurichten. Die Grundsatzdiskussion, ob so kleine Kinder schon fernsehen sollen, ist allerdings nicht ausgestanden. Erstaunlicherweise hängen sich immer mehr Mädchen im Teenageralter Teletubbies-Anhänger um und grüßen sich mit stimmerhöhtem „Winke, winke!”. Vielleicht ein Rückfall in frühkindliche Verhaltensweisen als Antwort auf die wachsenden Anforderungen? Anstatt den Kopf zu schütteln, könnten wir uns den Kopf dar-über zerbrechen: Was fasziniert die Kinder? Was enthalten wir ihnen möglicherweise vor? Wo gibt es Ausgleich und Ablenkung?