Papst lässt drittes Geheimnis von Fatima veröffentlichen. Es beschreibt das schreckliche Leiden der Glaubenszeugen des 20. Jahrhunderts.
Hätte Benno Mikocki, Franziskaner und überzeugter Fatima-Verehrer, bei Papst Johannes Paul einen Wunsch offen, er würde sich die Veröffentlichung des dritten Fatima-Geheimnisses wünschen. Denn, so der Leiter des Rosenkranz-Sühnekreuzzugs vergangene Woche zur Kirchenzeitung, dann wäre Schluss mit den apokalyptischen Spekulationen. Dass der Papst nur drei Tage später im portugiesischen Marienheiligtum die Veröffentlichung in Aussicht stellen lässt, überraschte P. Benno in Fatima ebenso wie eine Million Pilger aus aller Welt. Am Ende der Messe zur Seligsprechung der beiden Seherkinder Jacinta und Francisco ergriff Kardinal Angelo Sodano das Wort. Der Staatssekretär brachte die Glückwünsche zum 80. Geburtstag von Johannes Paul zum Ausdruck und sagte zum Ziel dessen Pilgerreise: Damit möchte der Papst „noch einmal der Muttergottes für den Schutz danken, den sie ihm während seines Papstamtes gewährt hat. Es ist ein Schutz, der auch den ,dritten Teil‘ des Geheimnisses von Fatima zu berühren scheint.“
Ein weiß gekleideter Bischof
Der Papst, so Sodano, habe den Auftrag erteilt, das Geheimnis zu veröffentlichen. Zuvor müsse aber die Glaubenskongregation einen Kommentar vorbereiten, der es den Gläubigen ermögliche, die Botschaft besser zu erfassen. Im Mittelpunkt der Vision: die schrecklichen Leiden der Glaubenszeugen des 20. Jahrhunderts. Ein „weiß gekleideter Bischof, der für alle betet“ – der Papst –, „fällt von Schüssen getroffen wie tot zu Boden, während er alle Mühe aufwendet, um unter den Leichnamen der Gemarterten auf das Kreuz zuzugehen.“ Und Sodano abschließend: „Selbst wenn die Geschehnisse des dritten Geheimnisses der Vergangenheit anzugehören scheinen, so bleibt der Ruf der Gottesmutter zu Umkehr und Buße auch heute aktuell und anregend.“
Sehnsucht nach Himmel
Mit der Seligsprechung von Jacinta und Francesco wird für P. Benno die Botschaft von Fatima vollendet: „Die ersten Worte, mit denen sich Maria bei den Kindern vorgestellt hat, lauteten: ,Ich komme vom Himmel.‘ Die Seligsprechung ist für mich der Hinweis, dass sie dieses Ziel erreicht haben.“ Denn die Sehnsucht nach dem Himmel – des Bei-Gott-Seins – hat ihr Leben bestimmt in den wenigen Monaten, die beide nach dem 13. Oktober 1917 noch blieben. Wegen ihres vorbildlichen Lebens sind die beiden Kinder nun am vergangenen Samstag auch selig gesprochen worden, und nicht, weil ihnen Maria erschienen ist. Mikocki: „Das spielte im Seligsprechungsprozess keine Rolle. Vielmehr aber haben sich Theologen zuvor gefragt, ob Kinder schon so einen Grad der Vollkommenheit erreichen könnten, dass sie zur Ehre der Altäre erhoben werden können.“ Doch Kinder mit einer wachen Sehnsucht nach dem Himmel, darin sieht der Franziskaner Benno Mikocki den unschätzbaren Wert der neuen und zugleich jüngsten Seligen der katholischen Kirche.
Ich komme vom Himmel
Nach 13 Jahren der Prüfung erklärt am 13. Oktober 1930 der Bischof von Leiria die Erscheinungen in der „Mulde der Iria“ für glaubwürdig und die Verehrung „unserer lieben Frau von Fatima“ als erlaubt. Damit wurde anerkannt, dass Maria am 13. Mai 1917 erstmals den drei Kindern unter der Steineiche erschien, wo sie sagte: „Betet täglich den Rosenkranz, um den Frieden der Welt und das Ende des Krieges zu erlangen.“ Am 13. Juni wurden sie zur Verehrung des „Unbefleckten Herzens Mariä“ berufen (erstes Geheimnis). Das zweite Geheimnis vom 13. Juli ist dreiteilig: Höllenvision, Bedeutung der Verehrung des „Unbefleckten Herzens“ für die irdische Geschichte, und der dritte, bisher geheim gehaltene Teil. Das am 13. September angekündigte Wunder für die sechste und letzte Erscheinung am 13. Oktober – das „Sonnenwunder“ – erlebten Tausende Menschen. Am 4. April 1919 starb Francisco an Lungenentzündung, Jacinta am 20. Februar 1920 an Tuberkulose.
Zur Sache
83 Jahre später „Die Botschaft von Fatima ist ein Appell zur Umkehr“, sagte Johannes Paul II. in seiner Predigt am 13. Mai im portugiesischen Wallfahrtsort Fatima. Rund eine Million Menschen nahm an dem Gottesdienst teil, bei dem die Seherkinder Jacinta (10) und Francisco (11) selig gesprochen wurden. Der Papst verwies auf die „Schrecken der beiden großen Kriege und der anderen Kriege in vielen Teilen der Welt“, auf die Konzentrations- und Vernichtungslager, auf den Archipel Gulag, die ethnischen Säuberungen, den Terrorismus, die Drogenkriminalität. In Fatima seien diese Nöte „prophezeit“ worden. Die Gottesmutter habe dies den „Kleinen“ anvertraut, wie es im Evangelium heißt.Johannes Paul erinnerte daran, dass in beiden Kindern nach den Erscheinungen eine völlige Änderung ihres Lebens vor sich gegangen sei. Sie hätten die Trauer um die Sünde tief empfunden, ein intensives spirituelles Leben geführt, und sie seien bereit gewesen, die Sünden anderer wieder gut zu machen. Am Ende der Messfeier galt der Gruß des Papstes den Alten und Kranken: Das Alter sei nicht die letzte Etappe des Lebens, die letzte sei der „Frühling der Auferstehung“.