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Johannes Paul II. – Ein sperriger Zeitgenosse

Am 18. Mai feiert der Papst seinen 80. Geburtstag
Ausgabe: 2000/20, Johannes Paul II, 80. Geburtstag
16.05.2000
- Hans Baumgartner
Am 18. Mai feiert Papst Johannes Paull II. seinen 80. Geburtstag. Am 16. Oktober 1978 wurde Karol Wojtyla als erster Pole zum Papst gewählt. Wir sprachen mit Joszef Niewiadomski über seinen berühmten Landsmann.

Der in Innsbruck lehrende Theologe Jozef Niewiadomski sieht in seinem Landsmann, Papst Johannes Paul II., einen „sperrigen Zeitgenossen“. Insoferne Zeitgenosse, als er die Probleme und Herausforderungen der modernen Welt sehr wach wahrnehme, sperrig, weil seine Antworten häufig nicht der liberalen Kultur der Gegenwart entsprechen. Einen wesentlichen Grund für diese Spannung sieht Niewiadomski in der persönlichen Lebens- und Glaubensgeschichte des Papstes.

Anders als die Welt

„Seine Erfahrungen mit zwei totalitären Weltanschauungen haben ihn eine hohe Achtung für demokratische Grundwerte und gegenüber Menschen mit echter liberaler Gesinnung gelehrt. Gleichzeitig reagiert der Papst zunehmend allergisch auf Versuche, Religion und Glaube auf die liberale Logik zu reduzieren. Der wachsenden Beliebigkeit der Moderne in Fragen der Religion und Ethik und dem von ihm als enttäuschend erlebten Wertewandel in seiner Heimat (Konsumismus statt Marxismus) versucht der Papst eine kirchliche Gegenkultur entgegenzustellen“, betont Niewiadomski. Eine Kultur der Treue gegenüber der Botschaft Jesu und der von der Kirche überlieferten Wahrheit, eine Kultur der Hingabe und des Wissens um die Angewiesenheit auf die Gnade Gottes.
Augenscheinlich wurde dieses Anliegen des Papstes in den Vergebungsbitten am 1. Fastensonntag, einem Akt, dessen Brisanz und Bedeutung weit unterschätzt werde, meint Niewiadomski. „Bewusst richtete der Papst die Bitte um Vergebung an den Gekreuzigten, der alle Schuld dieser Welt auf sich genommen hat und in der Gnade seiner Vergebung Auf(er)- stehen und Neubeginn ermöglicht. Der liberalen Öffentlichkeit war es zu wenig. In ihrer Logik von Schuldbekenntnis wollte sie eine lange Liste von Delikten hören, die man verurteilt und damit abhakt. Sie begriff nicht, dass der Papst Schuldverstrickung und ihre zerstörerischen Folgen viel tiefer und grundsätzlicher sieht.“
Ähnlich sieht Niewiadomski auch das Missverständnis um die Menschenrechte. „Aus seiner eigenen Geschichte ist der Papst jemand, der sich unermüdlich für die Menschenrechte einsetzt und die Christen dazu aufruft, diesen Weg zu unterstützen. Für die Kirche aber sieht der Papst in den liberalen Menschenrechten ein Konzept, das zu kurz greift. Sie sind vor allem von der Logik des Anspruchs (Recht auf...) definiert. Gläubige Existenz aber bedeutet mehr: die Bindung an das Evangelium und die Kirche, die Verpflichtung zum solidarischen Mittragen, zur Hingabe, zum Erkennen Christi in den Leidenden und Ausgegrenzten.“

Solidarität im Leid

Der große Einsatz des Papstes zur Überwindung des Antijudaismus und Antisemitismus und für eine Verständigung zwischen Christen und Juden haben nach Ansicht von Jozef Niewiadomski tiefe persönliche, aber auch theologische Wurzeln. Als junger Mann habe Wojtyla das lebendige und bedrohte Judentum in Polen hautnah erlebt. Viele seiner Mitschüler wurden verfolgt und ermordet. Ein jüdisches Mädchen hat er selber vor dem Tod gerettet. Ende der 60er Jahre hat er erlebt, wie in einer Krise der kommunistischen Partei, die sich so gerne als Überwinderin des Rassismus und christlichen Antijudaismus darstellte, eine neue antisemitische Welle losgetreten wurde. „Man suchte Sündenböcke und fand sie in den ,anderen‘. In Yad Vashem wurde auf unendlich berührende Weise deutlich, wie der Papst denkt. Als Leidender stellte er sich in den Kontext dieses von so viel Leid heimgesuchten Volkes. Verurteilung des Antisemitismus ist ihm zu wenig, Solidarität ist gefragt. Ob gläubig oder nicht, die Juden wurden im Laufe der Geschichte immer wieder als die ,radikal anderen‘ ausgegrenzt. In dieses Anderssein durch die Erwählung Gottes sind nach der Meinung des Papstes auch die Christen hineingerufen. Deshalb hat seine Solidarität auch eine zutiefst theologische Dimension.“
Die ökumenischen Bemühungen des Papstes sieht Niewiadomski vor allem theologisch motiviert. Am Anfang habe man dem Papst aus dem katholischen Polen nicht sehr viel in der Ökumene zugetraut. „Sein persönlicher Einsatz für die Unterzeichnung der Erklärung zur Rechtfertigungslehre, seine immer noch unterschätze Ökumene-Enzyklika oder seine Initiativen um eine Annäherung zu den von ihm sehr geschätzten Ostkirchen machen deutlich, dass ihm die Ökumene ein sehr ernstes Anliegen ist.“

Sendungsbewusstsein

Vielleicht hänge das auch mit dem Sendungsbewusstein dieses Papstes zusammen, der die Kirche Jesu nicht nur in ein neues Jahrtausend, sondern in eine neue Ära führen will. „Wenn man sieht, welche Zeichen er in diesem Jubiläumsjahr setzt und wie er das in seinem Kranksein, in seiner Schwäche tut, so hat das für viele Polen nichts zu tun mit einem alten Mann, der sich an seinem Amt festkrallt, sondern mit jemanden, der unbeirrt seiner Berufung folgt“, mein Niewiadomski. „Im politisch zerissenen Polen des 19. Jahrhunderts entstand ein ausgeprägter Messianismus, in dem sich das Volk als der leidende Christus sah, der ohne Macht die Welt verändert. In dieser Zeit schrieb der romantischen Klassikers Juliusz Slowazki ein Gedicht, das jedes polnische Kind lernt. Es schildert, wie Europa durch Zersplitterung, Korruption und Gewalt darniederliegt. Da wird ein Slawe Papst, der kraftvoll Europa und die Kirche reformiert und der – ganz besonders durch sein Leiden – der Welt Hoffnung schafft. Als Karol Wojtyla zum Papst gewählt wurde, fragten sich viele Polen, ob er sich wohl in dieser Rolle sieht.“ Er, so Niewiadomski, verstehe diesen Papst so: Seine zupackende Entschlossenheit zu Beginn des Pontifikats, um den Zusammenhalt der Kirche zu stärken und in ihr Ordnung zu schaffen und um seinen Beitrag zur politischen Veränderung Europas zu leisten. Und nun sein bewusstes Sprechen durch sein angenommenes Leiden, in der tiefen Überzeugung, dass Gott gerade in dieser Schwachheit Heil für die Kirche und die Welt wirkt.
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