- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Angelika Pressler
Ach, was soll ich „arm schwach Weib“ über die Gabe der Stärke schreiben? War diese nicht seit jeher ein ausgesprochenes Bubengeschenk? Und wie kann ich über diese Gabe schreiben in einer Zeit, in der die Stärke so schrecklich eindeutig in den Fitness-Studios zuhause ist, so listig angepriesen wird in den Werbeparolen, so raffiniert sich breit macht in den Börsenberichten? Was soll mir da die Gabe der Stärke, wenn allem Anschein nach Gott mit ihr nur einen Teil der Menschheit gesegnet hat, den männlichen, reichen, durchschlagskräftigen?
Aber wenn der Geist Gottes ebenso ein weiblicher ist, die „ruach“, die wie eine Bruthenne ihre weichen, wärmenden Flügel über das Küken Welt ausbreitet, wenn dem auch so ist, muss es mit der Gabe der Stärke noch etwas anderes auf sich haben, als den Ruf nach dem starken Mann, als das starke Outfit oder den zwar anklagend kritisierten, aber umso heftiger praktizierten Slogan „den Starken gehört die Welt“. Stärke als Geistesgabe muss etwas sein, das ich mir weder antrainieren noch herunterhungern kann. Sie ist anders, ist unscheinbar und unspektakulär, so wie Backpulver oder Stärkemehl, die im Kuchenteig verschwinden und ihn doch aufgehen lassen. Sollte die Gabe der Stärke so ein „Treibmittel“ sein, mit dessen Hilfe wir nicht nur mit, sondern hie und und da wenigstens auch gegen den Strom der Zeit schwimmen können? Dann hat Stärke viel mit der Kraft zu widerstehen gemeinsam, mit der Fähigkeit, standzuhalten, geduldig und beharrlich zu sein.Starke Menschen sind für mich jene Frauen und Männer, die mit beiden Beinen auf der Erde stehen, sie sind geerdet, ohne den Kontakt zum Himmel verloren zu haben. Denn sie wissen in ihrer Bodenständigkeit auch um deren Erschütterlichkeit und haben sich vertraut gemacht mit ihrer Zerbrechlichkeit. Nicht umsonst wurde die Gabe der Stärke immer auch zusammen gesehen mit dem Vertrauen. Ein solches braucht es, wenn der Wind der Zeitgeistereien scharf um die Ohren bläst und Resignation und Wehleidigkeit einhaucht, statt Leben und Lebendigkeit.