An diesem und am nächsten Sonntag folgen Abschnitte aus Johannes 15. Jesus redet vom Fruchtbringen. Ich verstehe es als Korrektiv zum Leistungsdenken.
In der Bibel ist häufig von der Fruchtbarkeit die Rede. Sie erzählt von Menschen, die unter ihrer Unfruchtbarkeit leiden (z. B. Abraham und Sarah, Zacharias und Elisabeth …). Gott durchbricht und wandelt ihr Schicksal. Er will, dass sie fruchtbar sind. Jesus beschreibt das Reich Gottes öfters mit Bildern der Fruchtbarkeit (z. B. „wenn das Weizenkorn in die Erde fällt und stirbt, bringt es reiche Frucht“, vgl. Joh 12, 24). Jesus sendet die Seinen, damit sie Frucht bringen.
Das Wort Leistung hingegen kommt in der Heiligen Schrift kaum vor. Es sind zwei völlig unterschiedliche Kategorien: das Fruchtbringen oder eine Leistung erbringen. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Schon als Kinder verinnerlichen wir ihre Gesetze. In den Hauptschulen werden die Schüler in Leistungsgruppen eingeteilt. Auch andere Lebensbereiche sind vom Leistungsdenken durchdrungen. Durch die Leistung werden die Menschen ge-teilt und einge-teilt. Viele haben ebenso die Parole verinnerlicht: „Ich bin, was ich leiste.“ Ich muss mir alles verdienen, auch die Anerkennung, die Dankbarkeit, die Herzlichkeit, das Existenzrecht und sogar die Liebe. Selbst in der Kirche lebt diese Mentalität.
Steckt nicht hinter der Klage über viel Arbeit und viele Termine ein gewisser Druck, viel leisten zu müssen? Damit erkennen die anderen, wie wichtig ich bin. Für viele Menschen ist Leistung beinahe der einzige Boden, auf dem sie stehen. Doch Leistungsdruck macht krank, Einzelne und die Gesellschaft.
Nochmals, das Evangelium spricht eine andere Sprache. Bei Gott brauchen wir unser Existenzrecht nicht zu verdienen. Er schenkt es uns, umsonst. Wir sind von ihm geliebt. Er hat uns ins Dasein geliebt. Er liebt uns nicht wegen der Leistungen, sondern mit einer bedingungslosen Liebe. Seine Absicht mit uns ist, dass wir Frucht bringen: „Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet.“ Frucht bringen hat zu tun mit wachsen, geschehen, zulassen; mit Wachsenlassen von Liebe, Vertrauen, Hilfsbereitschaft, Freundschaften, Solidarität …
Gott setzt alles daran, dass wir fruchtbar bleiben. Wer auf Fruchtbarkeit setzt, weiß, dass das Entscheidende zum Gelingen Gott tut. Die Frage ist, ob wir bei unserer Überbewertung der Leistung das „andere“ vergessen bzw. im Fruchtbringen verkümmern?