500 Jahre Brasilien: Ungerechte Landverteilung bis heute größtes Problem
Ausgabe: 2000/20, Brasilien, Landlose
16.05.2000
- Walter Achleitner
Immer wieder wird der Sertão von extremer Dürre heimgesucht. Den Landlosen im Nordosten Brasiliens fehlt dann zum Überleben nicht nur der Boden, sondern auch das Wasser. P. Hans Schmid sucht mit ihnen neue Lebensquellen.
Von der grünen Oase in der Halbwüste spricht P. Hans Schmid gerne. Denn wo die einst Landlosen heute ihr Land bebauen, sprießt Zwiebel aus rötlich brauner Erde. Der karge Boden bringt gelbe und rote Rüben hervor, Tomaten, Paprikaschoten und gekräuselten Kopfsalat. „Die zwei Hektar Gemeinschaftsgarten sind die Lebensgrundlage für 40 Familien“, erzählt der Tiroler Herz-Jesu-Missionar, der seit bald 20 Jahren in Brasilien lebt. Doch seit kurzem erst läßt der Boden in Vereda die grünen Köstlichkeiten wachsen. Schmid: „Es ist noch nicht lange aus, dass die Familien aus der Stadt hierher gezogen sind. Weil sie keine Chancen auf Arbeit hatten, hat sie der Hunger aufs Land getrieben.“ Im Gegensatz zu Millionen Landlosen im fünftgrößten Land der Erde hatten die Familien in Vereda Glück. Ohne gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei ging die Landnahme vonstatten.
Wasser aus 100 Meter Tiefe
Mit Hilfe aus Österreich konnte der Grundstein für ihre Zukunft gelegt werden: Ein Brunnen, aus dem das Leben spendende Nass 100 Meter heraufgepumpt wird. Bis zu 10.000 Liter schafft der Motor pro Stunde und versorgt Familien, Vieh und Gemeinschaftsgarten. Das ist viel Wasser in einer Gegend, in der es von April bis Dezember keinen Tropfen regnet und die heiß ersehnte Regenzeit sogar immer wieder ausfällt wie erst im Jänner 1998. Pater Schmid, auch für die Caritas der Diözese von Floriano verantwortlich: „Von 350.000 Einwohnern unserer Diözese war ein Drittel auf Lebensmittelhilfe angewiesen. Im gesamten Nordosten litten zehn Millionen Menschen unter den Folgen der Dürre. Nur in unserem Bundesstaat Piauí sind 30.000 Stück Vieh verendet.“ Dank internationaler Hilfe konnten in Floriano 140 Tonnen Lebensmittel und mehr als 30 Tonnen Saatgut verteilt werden.
Zu wenig: zehn Liter am Tag
„Das Regenwasser ist selbst bei optimalem Niederschlag zu wenig.“ Und Schmid rechnet vor, dass eine achtköpfige Familie mit einer Zisterne von 20.000 Litern Regenwasser an 250 niederschlagsfreien Tagen 80 Liter Wasser täglich verbrauchen darf, um über die Runden zu kommen. Seit der Ordensmann vor drei Jahren in den ärmsten Bundesstaat Brasiliens gezogen ist, verfolgt er ein Ziel: Brunnen gegen die Dürre anzulegen. In den vergangenen 24 Monaten entstanden bereits 15 dieser Jakobsbrunnen, wie der Priester sie nennt. Kosten pro Brunnen: 25.000 bis 100.000 Schilling.
Honig in der Steppe
Wie sehr das von Großgrundbesitzern brach liegen gelassene Land üppiges Grün hervorbringt, zeigt der Gemeinschaftsgarten von Vereda. Und der Gemüseverkauf in der nahe gelegenen Stadt geht für die einst Landlosen überraschend gut. Dank des Brunnens auch in der Trockenzeit. Inzwischen reifen neue Ideen für Verdienstmöglichkeiten am Rande des Sertão. In Simplício Mendes, der trockensten Pfarre der Diözese, läuft eine Bienenzucht – seit Jahren mit gutem Erfolg. Nun soll das Projekt auf die ganze Diözese ausgedehnt werden. Denn die kleinen unscheinbaren Blüten in der Steppe bringen besten Honig.