Behinderte Menschen nicht betreuen, sondern ihnen assistieren
Ausgabe: 2000/20, Behinderte, St. Pius, Caritas,
17.05.2000
- Ernst Gansinger
Der Auslöser (Medienberichte über die Caritas-Einrichtung St. Pius) tat weh, denn er schüttete einen ungerechten Verdacht über die Arbeit engagierter Behinderten-Betreuer/innen. Die Debatte an sich aber ist wichtig: Es geht um das selbst bestimmte Leben geistig behinderter Menschen in allen Einrichtungen. Bei einer Diskussion am 9. Mai, zu der der Betriebsrat von St. Pius einlud, meinte dessen Vorsitzender Franz Stritzinger: Es braucht den Anstoß der radikalen Reformer, wie es die bedächtigen Schritte der Umsetzung braucht. Denn unter radikalen Veränderungen leiden die geistig behinderten Menschen.In dieser Spannung bewegt sich die Diskussion – zwischen „möglichst rasch“ und der Bremse des Bedachts. Es geht um anerkannten Reformbedarf wie dezentrale, kleine Einrichtungen sowie Eigenständigkeit und Selbstverantwortung. Dazu braucht es u. a. eine Assistenz im Auftrag der behinderten Menschen ...
Zur Freiheit assistieren
Die Behinderten-Arbeit steht mitten im Wandel
Für die einen war es der berechtigte Versuch, die Anliegen behinderter Menschen ins allgemeine Bewusstsein zu bringen. Für die anderen war es der untaugliche Versuch, auf Kosten einer Einrichtung ein allgemeines Problem zu erörtern. Am 9. Mai prallten beide Positionen aufeinander:
Der Betriebsrat von St. Pius, der Caritas-Einrichtung in Steegen für geistig behinderte Menschen, lud an diesem 9. Mai zur Diskussion nach Niederspaching ein. Es galt nachzuarbeiten, warum St. Pius ins Kreuzfeuer der Kritik (siehe Pressemeldungen in der Karwoche; KIZ Nr. 16 und 17) geriet. Zwei Mitarbeitervertreter, zwei Bewohnervertreter und der Landtagsabgeordnete Gunter Trübswasser sowie der ehemalige Betreuer in St. Pius, Dr. Fritz Schermer – der Kritik der beiden räumten verschiedene Medien großen Platz ein – waren am Podium. Die Stimmung im Publikum, das sich großteils aus Mitarbeiter/innen von St. Pius zusammensetzte, war angespannt. Im besonderen stieß man sich an mancher Wortwahl Schermers, auf deren Wiederholung wir hier verzichten. Es gehe ihm um ein hohes Maß an Selbstbestimmung für alle Betroffene, sagte Gunter Trübswasser, der im Übrigen die skandalisierenden Schlagzeilen in den Medien ablehnt. Er habe das so nicht gesagt. An seiner Position aber hält er fest: Großheime müssen mittelfristig aufgelöst werden; sie sind auch ein Rahmen für strukturelle Gewalt. Er fordert Dezentralisierung, Bewohner-Mitsprache (St. Pius hat übrigens seit einiger Zeit eine Bewohnervertretung) und Assistenz statt Betreuung.
Weg vom „Heim“
Zum Leiter der „Caritas für Menschen mit Behinderungen“, Dr. Josef Bauer, und zu vielen betreuenden Menschen bestehen hier keine großen Meinungsverschiedenheiten. Bauer sagte zur Kirchenzeitung: „Großheime sind für mich Einrichtungen mit mehr als 80 Personen. Der Begriff ‘Heim’ ist problematisch, er legt das Machtgefälle zwischen Betreuer/innen, Leitung und Bewohner/innen nahe. Ein Aufbruch in Richtung Dezentralisierung ist nötig.“ St. Pius hat vor drei Jahren diesen Wandel eingeleitet. Bauer weist darauf hin, dass die Caritas mit allen Einrichtungen diesen Weg seit längerer Zeit geht: St. Elisabeth ist schon modernisiert, St. Isidor folgte und WE WORK setzt insgesamt ein neues Verständnis von beruflicher Integration um ...
Ziel und Stil
Zwischen Ziel und Methode klafft für die Mitarbeiter/innen das große Verständnis-Loch: Das Integrationsanliegen vorwärts zu bringen, ist das eine. Doch die Methode des öffentlichen Tiefschlags (Medienberichte) wird abgelehnt. Dies brachten bei der Niederspachinger Diskussion viele zum Ausdruck. „Die beiden Herren sind aufgerufen, Entschuldigungen oder Entgegnungen auszusprechen“, meinte zum Beispiel einer der beiden Bewohnervertreter am Podium, Fritz Raberger. Insgesamt bedauerten die Bewohnervertreter, in eine Diskussion geraten zu sein, die ihnen nicht dient und St. Pius, wie sie betonten, zu Unrecht anschwärzt. Reformen – mehr Freiheiten für die geistig behinderten Menschen – müssten von Bedächtigkeit getragen sein; es gelte einen Schritt nach dem anderen zu setzen, meinte die Bewohner-Vertreterin Sabine Nemmer.
Übereinstimmung
Schält man den Kern der Debatte frei von den vielen Hüllen der Emotion und verschiedenen (vermuteten) Zusatz-Interessen, bleiben doch weitgehend allgemein geteilte Anliegen: Reformen sind notwendig. Selbstbestimmung und Assistenz haben ein feinfühliges Verhältnis zu entwickeln. Wohnen, Arbeiten und Freizeit sind selbstständige Bereiche. In dezentralen Angeboten liegen viele Chancen.
Freiheit und Rechte
„In der Beschäftigung für Behinderte ist die Arbeit als Mittel zur Selbstverwirklichung zu sehen“, sagt Dr. Bauer. Arbeit heißt Dienstverhältnis mit entsprechendem Entgelt und Sozialversicherung. „Hilfe durch Beschäftigung darf nur mehr ein Relikt bleiben für Menschen, die in Übergangssituationen oder wirklich durch sehr starke Beeinträchtigung handlungsunfähig sind.“ Auch das Menschenrecht auf Sexualität dürfe niemandem vorenthalten werden, betonte Dr. Bauer im Kirchenzeitungs-Gespräch.