Nupur Sanyal nahm am Weltmarsch der Frauen teil, einer internationale Kampagne für Gleichberechtigung und gegen Armut und Misshandlung von Frauen. Die Sozialarbeiterin zog aus den Slums in Kalkutta vor die UNO in New York.
„Frauensolidarität ist für mich kein leeres Wort. In den vergangenen Tagen und Monaten habe ich beim ,Weltmarsch der Frauen‘ erkannt, dass wir viele sind, die gegen Armut und Gewalt gegen Frauen kämpfen. Das gibt mir Kraft zum Weiterkämpfen.“ Nupur Sanyal ist zwar gezeichnet von den Strapazen der letzen Wochen, aber in ihren dunklen Augen brennt das Feuer des Engagements für unterdrückte, verarmte, geschlagene Frauen.Seit fast 30 Jahren setzt sich die Sozialarbeiterin in Kalkutta für bessere Lebensbedingungen der Frauen ein. Bei ihrer Arbeit wird sie durch die Aktion Familienfasttag der Katholischen Frauenbewegung Österreichs (kfbö) unterstützt. So war es ihr auch möglich, im Rahmen des Weltmarsches der Frauen in die USA zu reisen. Vereint mit tausenden Frauenrechtskämpferinnen aus der ganzen Welt zog sie vor das Gebäude der Weltbank und der UNO, um gegen Armut und Misshandlungen von Frauen zu demonstrieren. Auf ihrer Rückreise berichtete sie in Wien über diese weltweite Frauenkampagne.
Weltweit gleiche Frauenprobleme
„Der Demonstrationszug durch die Straßen von New York hat mich sehr beeindruckt. Mir wurde bewusst, dass Frauen weltweit arm sind und unter der Gewalt der Männer leiden müssen. Das haben die Transparente mit den Frauenforderungen deutlich gezeigt. Es ist egal, ob eine Inderin, eine Europäerin oder eine Südamerikanerin das Transparent mit der Aufschrift ‚Stoppt die Gewalt gegen Frauen!‘ trägt. Frauen sind auf der ganzen Welt mit Gewalt konfrontiert, werden geschlagen, unterdrückt, ganz vom Mann abhängig gemacht. Frauen bekommen weltweit für ihre Arbeit weniger Geld als Männer oder erhalten für ihre Hausarbeit überhaupt keinen Lohn. Ich kämpfe deshalb seit Jahrzehnten für die ökonomische Unabhängigkeit der Frauen.“
Zur Eigenständigkeit ermächtigen
Die 52-jährige Inderin erkannte schon in der Jugend, wie schlecht die Frauen behandelt wurden und wollte helfen. Sie wurde Sozialarbeiterin in den Slums von Kalkutta. Nupur Sanyal wollte aber nicht nur einzelnen Frauen helfen, sondern eine grundlegende Verbesserung der Situation der Frauen initiieren. Gemeinsam mit Gleichgesinnten gründete sie 1978 das Institut für Sozialarbeit (ISW) und suchte sich ausländische Partner/-innen zur Finanzierung, wie die kfbö.Mit Hilfe der Aktion Familienfasttag werden beispielsweise Gruppen aufgebaut, in denen Frauen gemeinsam nach Lösungsansätzen suchen. Im Rahmen von Bildungsprogrammen lernen die Frauen nicht nur lesen, schreiben, rechnen und einen Beruf, sondern auch politisches Handeln. Das Selbstbewusstsein wird gestärkt, die Frauen werden ermutigt, bei Behörden vorzusprechen, Aktionen zur Unterstützung ihrer Forderungen durchzuführen und Mitgestaltung der Politik zu verlangen.
Mit neuem Schwung geht es weiter
So haben sich tausende Inderinnen der internationalen Bewegung „Weltmarsch der Frauen 2000“ angeschlossen. „Wir haben darüber in den Dörfern informiert und am 8. März 2000, dem internationalen Frauentag, mit Großkundgebungen protestiert. Allein in Kalkutta haben über 30.000 Frauen teilgenommen“, erzählt Nupur Sanyal. Die regionalen Gruppen formulierten gemeinsam einen Forderungskatalog. Darin werden verlangt: die stärkere Berücksichtigung von Frauen bei staatlichen Programmen zur Armutsbekämpfung, Bildung, Arbeitsplätze und eine Quotenregelung im Parlament. „Jetzt kämpfe ich mit neuem Schwung weiter“, betont die indische Sozialarbeiterin, „denn ich weiß, dass ich nicht allein bin. Frauen aus aller Welt gehen mit mir. Gemeinsam sind wir Frauen stark.“
Stichwort:
1995 organisierte die Frauenföderation von Quebec den erfolgreichen Frauenmarsch „Brot und Rosen“ gegen Armut in Kanada. Daraus entstand die Idee, im Jahr 2000 einen Weltmarsch der Frauen zu initiieren.
Weltmarsch der Frauen
In Montreal wurde eine internationale Frauenplattform gegründet, die weltweite Maßnahmen gegen Armut und Misshandlung von Frauen formulierte. Eine Unterschriftenkampagne zur Unterstützung dieser Anliegen wird gestartet, an der sich bisher über 4,7 Millionen Menschen beteiligten.Über 5000 Frauengruppen in 159 Ländern machten beim Frauenmarsch mit. Sie veranstalteten regionale Kundgebungen für ihre Anliegen – in Österreich zuletzt in Innsbruck – und vernetzten sich zu nationalen Koordinationsgruppen. In Europa sandten diese Gruppen Delegierte zum Frauenmarsch nach Brüssel. Von sechs Punkten aus führte dieser fünf Tage lang durch Belgien. 25.000 Frauen trugen schließlich am 14. Oktober vor den Einrichtungen der Europäischen Union ihre Forderungen vor. Am 15. Oktober demonstrierten tausende Frauen aus der ganzen Welt vor dem Gebäude des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank in Washington, und am 17. Oktober marschierten die Aktivistinnen aus aller Welt in New York vor die Zentrale der Vereinten Nationen.