Vom Teilen, vom Hergeben, vom Loslassen, vom Opfer sprechen die Lesungen dieses Sonntags. Sie sprechen also von etwas, was vielen Menschen absurd vorkommt. Geht es doch heute vor allem ums Vermehren, Gewinnen, Bekommen, Erreichen … Ist Opfer also etwas Veraltetes („Messopfer“), Zweifelhaftes („Schmerzen aufopfern“) oder etwas bloß Negatives („Verkehrsopfer“)? Oder gibt es nicht auch die Erfahrung, dass freiwilliges Loslassen etwas Positives, Lebenförderndes sein kann? – Ich glaube Ja.
Wir machen doch ständig die Erfahrung, dass wir auswählen müssen, dass wir etwas aufgeben müssen, um etwas Wichtiges zu erreichen – aus Achtung vor uns selbst und unserer eigenen Zukunft:– Die Entscheidung für einen bestimmten Beruf erfordert für die Ausbildung und für die Ausübung desselben eine Konzentration der Kräfte.– In der Freizeit muss ich viele Angebote ungenützt lassen, um etwas Sinnvolles tun zu können.– Die Entscheidung zum Hausbau erfordert vielleicht das Streichen eines teuren Urlaubs, eines neuen Autos.Dies steigert sich noch, wenn wir an unsere Beziehungen denken: Aus Liebe zu bestimmten Menschen muss ich anderes loslassen können:– Wenn ich in einer Partnerschaft lebe, muss ich andere Beziehungen und eigene Wünsche hintanstellen, um Raum und Zeit für den Partner zu haben.– Die Liebe zu den Kindern fordert ebenso Opfer an Geld, Zeit und Energie, um sie gut ins Leben einzuführen.– Umgekehrt muss ich Partner und Kinder auch immer wieder loslassen, damit sie sich entfalten können und damit die Bindung nicht zur Fessel wird.
Die Personen der biblischen Beispiele gehen freilich noch einen Schritt weiter: Die Witwe von Sarepta ist bereit, den letzten Bissen Brot zu teilen, die Witwe im Tempel gibt ihren letzten Groschen her. Dem Leben anderer zuliebe geben sie alles, ohne direkt zu sehen, wie sie selbst an diesem Leben Anteil haben werden. Das können sie wohl nur, weil sie an eine letzte Liebe glauben, die sie und alle umfängt.Dieser Glaube machte es auch Jesus möglich, sogar sein Leben hinzugeben, zu „opfern“, sich in die Liebe Gottes hineinzuwerfen, ohne zu wissen, „was es ihm selbst bringt“. Die Christen durften jedoch von Anfang an erfahren, dass dieses Lebensmodell Jesu gerade Licht und Leben für sie bedeutet und dass darin die Offenbarung der Liebe Gottes besteht.Christlicher Glaube heißt also auch Einübung in die Fähigkeit des Loslassenkönnens und der Hingabe – nicht um des Opfers, sondern um der Liebe zu mir selbst, zum Nächsten und zu Gott willen.