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Können uns über den Tod nicht hinweglügen

Dr. Peter Hofer: „Stehen wir zur menschlichen Fähigkeit zu trauern“
Ausgabe: 2000/46, Kaprun,
14.11.2000
- Dr. Peter Hofer
Vor diesem hundertfachen, schrecklichen Tod versagen Worte. Am Tag nach der Katastrophe von Kaprun versucht Dr. Peter Hofer in seiner Predigt im Salzburger Dom dem Bild des Todes standzuhalten.

Sie erwarten ein tröstendes Wort von mir in dieser trostlosen und schmerzerfüllten Stunde. Ich habe keines. Es wäre eine Anmaßung zu meinen, durch Worte Trost herstellen zu können. Auch die Bibel ist kein Buch, in dem man einfach nachschlagen könnte. Vor dem Tod, vor diesem hundertfachen, schrecklichen Tod, versagen Worte, die schönen Sprüche zerbrechen und noch so einsichtige Formulierungen machen das Unbegreifliche nicht begreiflich.

Das Unfassbare, das am Kitzsteinhorn geschah, ist noch nicht einmal physikalisch erklärbar. Vom Sinn her oder auf Sinn hin gibt es keinen Reim. Die 159, vorwiegend jungen Leute, die so hoffnungsfroh einen herrlichen Schitag genießen wollten, kehren nicht wieder. Ihre Eltern, Geschwister und Freunde, ihre Kinder warten vergebens. Ich habe keine Antwort auf ihre bohrenden Fragen „Warum?“, „Warum sie?“, „Warum er?“, „Warum nicht ich?“

Betäuben nützt nichts

Aber des einen bin ich sicher: wir dürfen ihnen und uns gegenüber nicht das tun, was unsere Gesellschaft angesichts des Todes tut, so gerne tut: sie lügt. Bis in die Sterbestunden hinein muss dem Kranken suggeriert werden, dass er gesund wird, dass er bald schon wieder nach Hause kommen wird.

In den Krankenhäusern habe ich Krebspatienten kennengelernt, die bis zur Todesagonie ihren Angehörigen noch vorspielen mussten, sie wüssten von nichts. Schließlich schließt man sie an die Apparate und Schläuche, um selbst das Sterben noch unter die Illusion der Funktionstüchtigkeit zu zwingen und des „Wir schaffen es schon“, „Wir haben die machbaren Antworten“. Ein solcher Tod, wie der von Kaprun schlägt uns mit einem Male alle unsere Allmachtsphantasien aus der Hand. Das Wunderwerk äußerster technischer Perfektion zerstört seinen eigenen Mythos und reißt 159 in den Tod. Wie zynisch starrt uns die Statistik an, die nachweist, dass die Standseilbahn das sicherste Verkehrsmittel sei!

Ja, diesem Tod müssen wir jetzt gerecht werden. Es führt kein Weg daran vorbei: nicht die Versuchung, sie – die grausam Erstickten und Verbrannten – zurückrufen zu wollen, und nicht die, ihnen nachsterben zu wollen! Weglaufen nützt nichts. Sich betäuben nützt nichts.

Es gibt im Evangelium eine kostbare Notiz, wie Jesus mit dem Widerfahrnis des Todes umgeht: „Er war im Innersten erregt und erschüttert und er weinte“ (Joh 11,33.35). Dem „Urheber des Lebens“ (Apg 3,15), Jesus von Nazareth, blieb menschliches Sterben nicht erspart. Es traf seinen Lebensnerv besonders schmerzlich. Nicht erst am Ende hat Jesus unter dem Tod zu leiden gehabt.
Nein, der Tod setzte ihm Zeit seines Lebens zu, bedrängte und bedrohte ihn. Die Stärke Jesu zeigt sich darin, dass er sich ihm aussetzt. Im Unterschied zur gemein-menschlichen Einstellung, um den Tod einen weiten Bogen machen zu können, geht er zielstrebig auf ihn zu. Er ruft die vom Tode Gezeichneten, ruft ihnen nicht nur ermutigende Worte zu, sondern fasst sie an, die Aussätzigen und Verzweifelten. Er geht zu denen, die im Schatten des Todes sitzen. Dabei wird er selbst von der Finsternis des Todes überschattet. Dieser Jesus von Nazareth ist nicht immun gegen den Todesbazillus; er infizierte sich mit dem Sterben anderer.
So lasst uns dem Bild des Todes standhalten und ihn nicht mit plappernder Geschwätzigkeit oder voreiliger Suche nach Schuldigen überspielen. Stehen wir zu der menschlichen Fähigkeit zu trauern. Hören wir über und unter den wehmütigen Klängen getragener Trauermusik die Schreie, die Flüche, die Gebete aus dem schwarzen Rauch des Tunnels, und das wortlose Entsetzen der Helfer, die nicht mehr helfen konnten.

Erinnerungen aufsuchen

Es ist eine oft bezeugte Tatsache: Wenn jemand dem Tod ins Angesicht schaut, kann es geschehen, dass sich ein Film vor seinen Augen abspielt. In ungeheurer Dichte und Geschwindigkeit. Er begegnet seinem ganzen Leben, auch Dingen, die er längst vergessen hatte, und erinnert sich zurück bis in seine früheste Kindheit. Er sieht, was das Leben ihm gebracht hat, was er dem Leben schuldig geblieben ist an Liebe, an Großzügigkeit, an Einfühlung. Er schaut mit einer Klarheit, die er nie hatte, seinen ganzen Lebensweg vor sich – und alles während kurzer Sekunden. Vielleicht haben es auch die Opfer der Feuerhölle von Kaprun so erlebt. Es ist auch für uns gut, die Erinnerungen aufzusuchen, in denen die Toten vorkommen. Das ist gut – auch wenn es Mühe macht und weh tut: sich zu erinnern, dankbar für viel Schönes, Freundliches und Schmerzliches, das man gedacht hat, erlebt und empfunden. Die Jahre der Freundschaft, der Liebe und des Glücks, die vergangen sind und doch so nah gegenwärtig. Die gemeinsamen Lebenswege, unvollendet vollendet wie Schuberts Symphonie. Es hilft uns auch in der schmerzhaften Frage, warum sie gehen müssen, ohne dass sie ihr Lebenswerk vollenden können, warum sie mitten aus einem Leben herausgerissen werden, das noch viel Verheißung in sich trug.
Ich denke wieder an eine Szene aus dem Evangelium: Die beiden Jünger auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus. Sie haben Jerusalem, dem Ort des Heiles, den Rücken gekehrt. Sie haben aufgegeben und gehen enttäuscht nach Hause – geschlagene Leute.

Trauer austauschen

Ist das nicht genau unsere Situation: Weggehen vom Ort des Grauens, Abschied, Abstand nehmen, vergessen? Nicht mehr auf Schritt und Tritt erinnert werden an das Unfassbare, das Schreckliche. Ausbrechen aus der dumpfen Trauer, der starren Ohnmacht, der lähmenden Leere. Weil sie, die zwei auf dem Weg nach Emmaus, aber miteinander reden und ihre Trauer austauschen, ist Raum auch für einen Dritten. Der Fremde auf dem Weg ist ein guter Zuhörer. Er unterbricht die beiden nicht, bis sie ihr Herz ausgeschüttet haben; alles, was sie betrauern, was sie enttäuscht und hoffnungslos gemacht hat, was sie einfach nicht verstehen können. Erst jetzt beginnt er zu reden. Was die beiden zu hören bekommen, sind keine leeren Beileidsphrasen, keine „Es wird schon irgendwie weitergehen“- Vertröstungen. Das Unbegreifliche des Geschehenen ist unleugbare Tatsache.
Aber: Dem Fremden ist es ebenso Tatsache, dass der Glaube an Gott auch das Unfassbare bewältigen hilft. Die Schriften des Alten Testaments gelten ihm als Zeichen, dass Gott gerade dem leidenden, verzweifelten, hoffnungslosen Menschen nahe ist. Gebannt lauschen sie seinen Worten, mit denen er ihnen eine neue Perspektive eröffnet: Selbst da, wo nach menschlichem Ermessen alles „aus und vorbei“ ist, kann Gott einen neuen Anfang, einen Durchbruch zum Heil schaffen.




Zum Weiterdenken


Was tun in dieser bitteren Stunde?

Wir stellen Lichter auf und erinnern uns selber an die wohl geheimnisvollste Erfahrung der Menschheit, wie aus totem Stein und morschem Holz Feuer und Wärme hervorzugehen vermag, etwas jahrtausendelang völlig Unbegreifbares. Ein langsam sich formendes Bild für die Gewissheit, so könne es auch sein mit unserem Leib: wenn er verbrennt wie ein Stück Kohle, wenn er verfällt, kalt wie Stein, modrig wie Holz, sei er in Wahrheit dabei, die Lichtkraft und Wärme der Seele, den Glanz des ewigen Lebens, aus sich zu entlassen.
Blumenkränze legen wir nieder, wie um zu sagen: der Ring des Lebens schließt sich im Tod, doch das Dasein endet damit nicht, so wenig wie Blumen, die geschnitten werden: im Erdreich bleibt ihre Kraft, und im beginnenden Frühjahr werden sie wiederkommen, schöner denn je, in verjüngter Form. So möge das Geheimnis der Erde den toten Leib aufnehmen und Gott zurückzugeben im Kreis des Lebens für die Ewigkeit.
Bäume und Sträucher pflanzen wir auf die Gräber, weil auch sie im Abwerfen der Blätter und im Begrünen der Zweige im Frühjahr Bilder der Unsterblichkeit sind. Wegweiser und Leitern sind sie zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Himmel und Erde.

Gewiss, all dies sind nur Bilder, aber sie sagen uns: Wir haben gegen allen Augenschein gewissermaßen ein Recht auf ewige Schönheit, auf ewige Jugend, auf ewiges Glück. Wir würden diese Hoffnung vertun, wenn wir sie an unsere irdische Existenz richteten, indem wir auf fiktive Weise den Tod verdrängen oder verleugnen. Doch gerade angesichts des Todes weht uns eine Ahnung von Ewigkeit an. Und selbst die Gräber flüstern uns zu, was nur die Liebe uns lehren kann: Wir gehören untrennbar zusammen. Die Wand zwischen uns und den Toten ist durchlässig. Und: Wir werden uns wiedersehen. Der Tod ist das Ende. Doch er ist nicht endgültig. Endgültig ist einzig die Wahrheit der Liebe.




Reaktionen:


Ganz Österreich trauert

Wien. Angesichts der Katastrophe seien die Österreicher näher zusammengerückt, sagte Kardinal Christoph Schönborn beim Gedenkgottesdienst für die 159 Opfer des Unglücks von Kaprun im überfüllten Stephansdom. Es sei ermutigend, dass die Katastrophe die Herzen so stark bewege, betonte der Wiener Erzbischof am Sonntag Abend: „Es ist uns nicht gleichgültig, was mit anderen Menschen geschieht.“ Das sei eine „Botschaft für unser Land“. An dem Gottesdienst nahmen auch viele Repräsentanten des öffentlichen Lebens teil. Zum Beginn ertönte um 19 Uhr für die 159 Opfer das Trauergeläut der Pummerin.




Papst trauert mit Österreich

Vatikan. In einem persönlichen Kondolenztelegramm an Bundespräsident Thomas Klestil hat Johannes Paul II. seiner Trauer über die Katastrophe am Kitzsteinhorn Ausdruck verliehen. Der Papst bat Klestil, den „von der Katastrophe Heimgesuchten, vor allem den Angehörigen der Opfer“, seine Anteilnahme und Verbundenheit zu bekunden. Der Papst erbitte den Hinterbliebenen und allen Trauernden „aus der Hoffnung auf die Auferste-hung Trost und Stärkung“, heißt es in dem Telegramm.
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