„Vor allem muss man wissen: wenn die Seele Gott sucht – viel dringlicher sucht Gott die Seele“, schreibt der spanische Mystiker Johannes vom Kreuz (1542–1591). Dieses befreiende Gottesbild verwandelt mein Leben, meinen Alltag.
Längst bevor ich Gott suche, sucht er mich, kommt mir entgegen, nimmt mich in seine Arme, trägt mich. Alltagsrituale sind jene regelmäßigen Momente in unserer Tagesstruktur, die uns diese entlastende Sicht der Wirklichkeit mit Leib und Seele in Erfahrung bringen. Denn beim Beten, Meditieren, Feiern der Sakramente geht es nicht darum, Gott zu erreichen, sondern um aufzuatmen, dass wir längst schon „in ihm sind, in ihm leben, in ihm uns bewegen“ (Apostelgeschichte 17, 28). Dabei komme ich nicht darum herum, an mir zu arbeiten und mich den brennenden Fragen unserer Zeit zu stellen. Doch ich darf es tun aus dem Zuspruch des Angenommenseins, der mir jeden Tag vor allen Ansprüchen entgegenkommt.
Mich verändern und mich sein lassen können
In einer persönlichen Krisen- und Umbruchzeit, in der ich gespürt habe, dass ich mit meinem guten Willen allein nicht mehr weiterkomme, sind mir die Biographien und Schriften einiger christlicher Mystiker wie Hildegard von Bingen, Meister Eckhart, Johannes Tauler, Teresa von Avila zum „Licht in dunkelster Nacht“ geworden. Sie bewegen mich bis heute zur Umkehr in der spannenden Zumutung, mich selber besser kennen zu lernen und mich zugleich zu lassen. Denn nur so ist echte Verwandlung möglich. Dies gilt natürlich auch für die Beziehung zu unseren Mitmenschen: Einander kennen lernen, um das Verbindende und die Verschiedenheit zu entdecken und einander lassen, damit die Beziehung lebendig bleibt.
Eucharistie leben in unseren alltäglichen Bewegungen
Diese Lebensgrundhaltung feiern wir besonders in der Eucharistie. Da sind wir aufgefordert, uns einzubringen mit all unseren Hoffnungen und Ängsten, unseren Zweifeln und unserer Zuversicht. Die Lebenszeichen Jesu Brot und Wein sind Ausdruck für unser Leben. Indem wir sie teilen, werden sie verwandelt und wir dürfen sie als Gegenwart Gottes in allem feiern. Darum sagt der heilige Augustinus: „Empfanget nicht nur den Leib Christi, seid Leib Christi.“ Rituale sind uns Lebenshilfe, damit wir mit Leib und Seele in allem, was uns begegnet, die verbindende Gegenwart Gottes erfahren. Befreiend wird dieser spirituelle Weg, wenn wir nicht zu weit entfernt suchen, sondern in unserem Stehen, Sitzen, Liegen, Gehen die göttliche Spur entdecken. Diesen Weg der Achtsamkeit können wir auch im gemeinsamen Gottesdienstfeiern einüben, wenn wir einander beharrlich ermutigen mehr gemeinsame Stille zu wagen und uns für alle Bewegungen mehr Zeit nehmen. So wird das Aufstehen vor dem Evangelium zum bewussten Aufstehen für das Leben, zur Ermutigung zu mir zu stehen, weil Christus vor allem Tun zu mir steht. Der langsame Gang zur Kommunion wird zum Versöhnungsweg, weil wir erfahren, dass Christus „unsere Schritte lenkt auf den Weg des Friedens“ (Lk 1, 79). Das Sitzen erinnert uns, Wesentliches immer wieder setzen zu lassen. So feiern wir nicht „nur“ Eucharistie, sondern leben sie in all unseren alltäglichen Bewegungen.
Zum Innehalten
Suche nicht außen was du in dir finden kannst
Wage gegen den Strom zu schwimmen in dem du deinem Lebensfluss traust
Dein Atem führt dich zum Innehalten mitten im Alltag er verweist dich auf jene Wirklichkeit die dir immer schon geschenkt ist