Man könnte die Texte der 1. Lesung und des Evangeliums als Katastrophen-Texte bezeichnen; ist doch von Drangsal, ewiger Schmach, kosmischen Erschütterungen und dem Weltende die Rede, die „dieses Geschlecht“ noch erleben wird. Und es gibt immer wieder christliche Gemeinschaften, die durch solche Texte dazu geführt werden, die Gegenwart als katastrophal zu empfinden und ein Weltende noch „in dieser Generation“ als sicher anzunehmen. Am bekanntesten sind wohl bei uns die Zeugen Jehovas. Aber in dieser Hinsicht haben sich offenbar die biblischen Texte und auch die Zeugen Jehovas getäuscht: Weder Juden- noch Christenverfolgungen, weder Kriege, Seuchen oder Kometen haben bisher das Ende der Welt bedeutet. Sind also solche Katastrophen-Texte damit erledigt? Oder enthalten sie doch Wahrheit? – Ich glaube, wir dürfen sie als Warn-, Protest- und Trost-Texte lesen.
Als Warn-Texte machen sie uns auf Abgründe in unserem Leben aufmerksam. Nicht, dass wir gebannt auf diesen Abgrund starren sollen – und umso sicherer auf ihn zugehen –, sondern, dass wir ihn wahrnehmen. Die Texte sagen uns: Freut euch, wenn eure Zeit anders ist. Aber seid wachsam auf das, was sich unter der Oberfläche abspielt: Vielleicht wachsen unter der dünnen Decke des Wohlstands gnadenlose Konkurrenzkämpfe um wirtschaftliche Vorteile, beruflichen Aufstieg und persönliche Anerkennung; vielleicht beschwört ihr durch eure kurzsichtigen Nutzen-Kosten-Kalküle langfristige Umweltschäden herauf – nach dem Motto: „hinter uns die Sintflut“. (Die vielen Überschwemmungskatastrophen des Jahres scheinen dies sogar zu veranschaulichen).
Als Protest-Texte sind sie Ansporn für uns, uns nicht mit dem Unrecht im privatem wie im öffentlichen Bereich abzufinden, etwa mit der Unterdrückung kleinerer Kinder durch größere, der Mitarbeiter durch Vorgesetzte, der armen durch die reichen Völker. Diese Texte halten in uns die Sehnsucht wach, dass „der Mörder nicht endgültig über sein Opfer triumphieren wird“.
Als Trost-Texte bestärken sie unseren Glauben, dass Gott trotz allem Augenschein das Heft in der Hand hält. Auch wenn Unrechtsregime oft zu dominieren scheinen: ihr Ende steht bereits fest. – Aber was ist mit denen, die bereits in irgendeiner Form Opfer des Unrechts geworden sind? Hier wagt der Glaube einen letzten Sprung, indem er der Macht Gottes alles zutraut: ER wird die ungeheuren Opfer der Weltgeschichte ins Recht setzen. Denn nicht die Gottlosen, die Zyniker der Macht, werden das letzte Wort haben, sondern Gott selbst.