Dinge ausreden und immer wieder die Hand zur Versöhnung reichen
Ausgabe: 2000/46, Versöhnung
14.11.2000
- Maria Haunschmidt
Eine Familie streitet, dass die Fetzen fliegen . . . Da läutet es, Besuch kommt.
Nun ist alles Friede, Freude, Eierkuchen – man tut zumindest so, als ob . . . Im Umgang mit Konflikten sind die meisten Menschen hilflos – verdrängen ist beliebt. Dass es aber allen besser geht, wenn nicht ständig unter den Teppich gekehrt, sondern mitunter an der „heilen Familienwelt“ gekratzt wird, zeigte der „Familientag“ im Bildunghaus Schloss Puchberg. Die Veranstaltung „Schwamm drüber?“ zum Thema Vergebung, Versöhnung und Ausgleich wurde geleitet vom Familientherapeuten Max Narbeshuber, und sie war hochkarätig begleitet durch die Familienberater Monika Kornfehl, Rolf Sauer und Ehe- und Familienseelsorger Franz Harant. Wie das Familienklima ist, liegt an ihren Mitgliedern: „Wir haben oft Streit wegen der Kinder, aber es geht gar nicht wirklich um diese, sondern um die Konflikte, die wir miteinander haben und nie austragen!“ Diese Aussage kam bei den Paaren ziemlich oft. Die Erkenntnis nach dem Familientag: sich öfter zusammensetzen, offen reden, einerseits dankbar annehmen, was wir haben, andererseits schauen, was es zu verstehen, auszugleichen und zu verzeihen gibt. Zauberworte sind: Wahrnehmen, Anerkennen, Wertschätzen (sich selbst und den anderen). Manchmal geht es nicht ohne fremde Hilfe. Aussage einer Teilnehmerin in Puchberg: „Mir wurde klar, ich muss dafür sorgen, dass beim anderen ankommt, was ich brauche, denn der andere kann es nicht wissen!“
Ein Fallbeispiel
Karin und Thomas Es war eine Kleinigkeit und schon explodierte Karin. Vorgefallen ist, dass ihr Mann, obwohl vereinbart, wieder einmal sein Kaffeehäferl nicht weggetragen hat. Thomas, der wie immer ruhig geblieben ist, kann gar nicht verstehen, warum sie sich deshalb so aufregt. Für ihn ist das kein Problem, denn das lässt sich doch leicht erklären, nämlich dass er jetzt unter Zeitdruck ist. Und schon war er außer Haus. Dieses Verhalten machte Karin noch wütender. Am Abend versuchte sie ihm mitzuteilen, wie es ihr den Tag über mit ihren Gefühlen gegangen ist. Vor allem wollte sie ihm sagen, dass sie sich schon länger schlecht behandelt fühlt. Doch Thomas blockte wie so oft ab. Im Anschauen der Konfliktgeschichte von Karin und Thomas kam heraus, dass Karin ein starkes Bedürfnis hat, über ihre Gefühle zu reden, z. B. wenn Thomas sich nicht an Vereinbarungen hält, dass sie sich wenig geachtet und leicht ausgenutzt vorkommt. Thomas gelang es auszusprechen, dass ihn Karins Gefühle irritieren, deshalb schaltet er schnell auf sachlich und „cool“. Dahinter steckt seine Angst sich mit Gefühlen zu konfrontieren. Als Bub, so fällt ihm ein, hat er schlechte Erfahrungen gemacht. Häufig, wenn er sich im Kreis von Freunden geöffnet hat, ist er von diesen verspottet und klein gemacht worden. Und so entwickelte er eine Überlebensstrategie, indem er schnell auf die rationale Ebene geht. Da fühlt er sich wohl. Diese Mitteilung ist für Karin wichtig. Sie ermöglicht auch Thomas eine andere Sicht der Dinge. Ein und dieselbe Situation wird für jeden anders wahrgenommen. So wie es für mich ist, ist es nicht für dich. Dies war eine lebensversöhnliche Erkenntnis.
Einige Gedanken zur Versöhnung
- Aller Hass wird nur durch Liebe geheilt, nicht durch Vergeltung und Gegenhass. - Ein festes Ritual vereinbaren, das Versöhnungsbereitschaft signalisiert, wenn man miteinander nicht mehr reden kann oder will, z. B. Versöhnungskerze entzünden. - Nicht unbedingt Recht haben müssen. - Über sich selbst lachen können. - Nicht reparierbare verletzte Gefühle können nur angenommen und vergeben werden. - Auch wenn sich Konflikte und Partnerprobleme nicht „wegbeten“ lassen und Gebet kein Ersatz für Beziehungsarbeit und Gesprächskultur ist, verändert das Gebet aber die Einstellung und kann Kraft zum Neubeginn schenken. Franz Harant