Bethlehem: Neue Rettungsautos sollen Überlebenschancen sichern
Ausgabe: 2000/47, Bethlehem, Palästinenser
21.11.2000
- Walter Achleitner
„Wir leben in einem Krieg“, sagt Claudette Habesch, dieGeneralsekretärin der Caritas Jerusalem. Die Palästinenserin widerspricht Berichten, denen zufolge tausende Christen das Heilige Land verlassen haben.
„In unserem Büro geht es seit Wochen äußerst hektisch zu“, meint Claudette Habesch. Es sei schon ein tägliches Zittern, wer überhaupt zur Arbeit komme, meint die Generalsekretärin der Caritas in Ost-Jerusalem. Und dabei haben sich seit Ausbruch der Gewalt die Anfragen vervielfacht. „Wir bemühen uns um Medikamente für die palästinensischen Krankenhäuser. Wir besuchen Verwundete sowie die Familien der Opfer. Und seit kurzem müssen wir sogar Grundnahrungsmittel vor allem an die ländliche Bevölkerung verteilen“, beschreibt Habesch die Aufgaben.
Die Gewalt im Heiligen Land analysiert Habesch klar: „Es ist ein Krieg gegen die palästinensische Bevölkerung.“ Die Ansicht, dass es sich nur um Maßnahmen zur eigenen Sicherheit handle, wie dies Israel behauptet, kann sie nicht teilen: „Wenn es heißt, dass nur Plastikgeschoße zum Einsatz kommen, dann erweckt das den Eindruck, es sei ungefährlich. In Wahrheit aber sind das Stahlkugeln mit einem dünnen Kautschukmantel – und vor allem für Kinder tödlich.“ Auch die Opferbilanz widerspräche israelischen Argumenten. Bis Freitag vergangener Woche wurden 220 Menschen getötet, davon über 200 Palästinenser.
Verschärft wird die Lage dadurch, dass es auf palästinensischer Seite kaum Rettungsfahrzeuge gibt, die für Notfälle ausgestattet sind. So steht für ganz Ost-Jerusalem eine einzige Ambulanz zur Verfügung. Habesch: „Viele, vor allem Kinder mit Kopfdurchschüssen, sterben auf dem Weg ins Krankenhaus.“ Um besser helfen zu können, hat sie bereits ein Fahrzeug (Kosten: 680.000 Schilling) für den Einsatz in Ost-Jerusalem geordert. Und für zwei weitere in Bethlehem auch schon die Finanzierung gesichert.
Zwietracht säen
Auf Berichte über den Exodus tausender Christen aus dem Heiligen Land angesprochen, meint die Caritas-Chefin: „Wir erleiden derzeit eine Tragödie. Aber ich kenne keine einzige Familie, die jetzt ihrer Heimat den Rücken gekehrt hat. Wir waren erbost über diese von israelischen Medien lanzierte Falschmeldung. Sie sollen in Europa und den USA den Eindruck erwecken, als wären wir Christen hier unglücklich und würden vor den Moslems davonlaufen. Aber wir sind ein Volk, wenn auch mit zwei Religionen.“
Hintergrund:
Wenn Kinder Steine werfen
„Welche Mutter würde ihr Kind zum Steinewerfen in die vorderste Reihe schicken, nur um es dann tot wieder in die Arme nehmen zu können?“, fragt Claudette Habesch. Es sei zu einfach zu sagen, die Kinder würden von Seiten der Palästinenser missbraucht. Ein Vorwurf, mit dem die Generalsekretärin der Caritas von Jerusalem in Europa immer wieder konfrontiert wird. Die Sozialarbeiterin mit dem Schwerpunkt Kinderpsychologie bringt das Verhalten in Zusammenhang mit den Ungerechtigkeiten, die Kinder von klein auf in unserem Land täglich erleben: „Ihnen wurde das Glück und die Unschuld der Kindheit geraubt. Es ist hart, aber ich muss es so sagen: unsere Kinder sind keine Kinder mehr.“ Und die dreifache Mutter erzählt: „Als mein Sohn neun Jahre alt war, ist er schon nicht ins Bett gegangen, ohne die Nachrichten gehört zu haben.“ Da die extrem gewalttätige Besetzung ihnen die Kindheit geraubt habe, würden sie oft so handeln. Die Gewaltbereitschaft sei schwer zu kontrollieren, wie zum Beispiel auf dem Schulweg.