„Nur wenn es Regeln gibt, macht der Markt, was er tun soll, sonst regiert Big Business.“
Der Präsident der Landwirtschaftskammer OÖ, Mag. Johann Kletzmayr, warnt in einem Kirchenzeitungsgespräch vor hemmungsloser Liberalisierung des Welthandels. Ein weiteres Beispiel für die Interessenspolitik des Big Business (großes Geschäft), das sich gegen die Erzeuger und Konsumenteninteressen richtet, sei das Geschäft mit dem Zucker.Die EU-Kommission hat einen Vorschlag von EU-Außenhandelskommissar Pascal Lamy aufgegriffen und schlägt vor, ab 2001 den Markt der Union für die ärmsten 48 Länder der Welt zu öffnen. Ausgenommen von dieser Öffnung sollen nur Waffen sein.
Entwicklungspolitische Falle
Was sich auf den ersten Blick gut anhört, würde das genaue Gegenteil von Hilfe bedeuten: Die Zuckererzeugung in der Karibik würde ruiniert, protestieren hochrangige Regierungsvertreter der Sugar Association of the Caribean (Jamaica, Trinidad...). Die unausgewogene Liberalisierung des Zuckermarktes würde das Ende der Rohrzuckerproduktion bedeuten. Wichtige Devisen gingen verloren. Bisher hat die EU 70 Ländern (ehemaligen Kolonien) zugestanden, 1,3 Millionen Tonnen Zucker zum Freiheit für wen?Ein völlig freier Markt stärkt nur die Starken, die wenigen, die sehr viel in der Hand haben. Würde sich der Vorschlag durchsetzen, fielen die derzeit über Quoten und Zölle bestehenden Außenschutzbarrieren für alle Produkte schrittweise in den nächsten drei Jahren. Was aber veranlasst den Präsidenten der Oö. Landwirtschaftskammer gegen dieses Vorhaben aufzustehen? Ist er Mitstreiter für weltweite Wirtschaftsgerechtigkeit? – Diesen moralischen Hintergrund wird man ihm nicht absprechen können, doch ist er zuallererst Interessensvertreter der österreichischen Bauern. Auch sie würden, da sie zu den Kleinen gehören, schlimm getroffen. Die bestehende Zuckermarktordnung erlaube es, die Produktion von Zucker exakt zu steuern.
Mexiko leidet es vor
Kletzmayr schildert, was Liberalisierung in einer ganz jungen Freihandelszone im Sinne des Big Business anzurichten vermag: Innerhalb von zwei Jahren hat Mexiko die gesamte Reisproduktion verloren. Reisanbauflächen veröden. Auch bei Baumwolle ist nur ein kleiner Rest der Produktion verblieben. Innerhalb von zwei Jahren hat die nicht gelenkte freie Marktwirtschaft die mexikanischen Bauern radikal ärmer gemacht, den mexikanischen Konsumenten die Lebensmittel verteuert, Landstriche verödet. Nutznießer ist der multinationale Handel.
Marktordnungen, die den Markt regeln, schützen dagegen sowohl Produzenten als auch Konsumenten. Das kann am Beispiel Milch in Kanada gezeigt werden: Die Produzenten bekommen bessere Preise wie in den USA, die Konsumenten zahlen weniger als in den USA.
Statistik:
Zuckerernte
Die österreichische Jahresproduktion Zuckerrüben – 3,3 Millionen Tonnen – wird an drei große Fabriken geliefert. Diese erzeugten im Geschäftsjahr 1999/2000 zusammen 501.100 Tonnen Zucker. Sie machten einen Umsatz von 4,8 Milliarden Schilling.
Die Gesamtanbaufläche für Zuckerrüben in Österreich war 1999 knapp 47.000 Hektar, wobei die Fläche gegenüber dem Jahr 1998 um fünf Prozent abnahm. In Oberösterreich sind von 290.000 Hektar Ackerland 6.608 Hektar Rübenacker. Weltweit werden 135 Millionen Tonnen Zucker (Zuckerrüben, Zuckerrohr) verarbeitet. USA, Osteuropa, Deutschland, Frankreich, Kuba, Indien und Java sind wesentliche Produzentenländer.