Herrschaft, Reich, dienen … die Texte des Christkönigssonntags sprechen die Sprache politischer Macht. Und jahrhundertelang wurde daraus ein geistiger und politischer Herrschaftsanspruch der Kirche abgeleitet – ein naheliegendes, aber verheerendes Missverständnis; und zwar aus mindestens zwei Gründen: Man achtete weder darauf, in welchem Zusammenhang diese Texte entstanden sind, noch, von wem diese Texte sprechen. Denn diese Texte sind Anti-texte zu einem politischen „Kon-Text“ der Unterdrückung. Das Buch Daniel entstand in der Zeit, als der Seleukidenkönig Antiochus IV. die jüdische Religion unterdrückte, wie wir es in den Makkabäer-Büchern lesen können. Die Offenbarung des Johannes wurde geschrieben angesichts der Christenverfolgungen durch den römischen Staat. Das Johannesevangelium schließlich zeigt, dass seine ersten Leser aus dem Verband des Judentums ausgeschlossen, ja sogar mit dem Tod bedroht wurden (Joh 16, 1–4). – Diese Schriften wollen ihre Leser zum Durchhalten ermuntern, indem sie eine andere Herrschaft proklamieren, die der gegenwärtigen Gewaltherrschaft ein Ende setzt.
Und von wem sprechen diese Texte? Daniel spricht in seiner Vision von einem Menschen(sohn) im Unterschied zu Tieren, also von einer menschlichen im Unterschied zu einer bestialischen Herrschaft. Die neutestamentlichen Texte sprechen von der Herrschaft Jesu. Ihm und nicht einem irdischen Priester oder gar König sprechen sie Herrschaft zu; ihm, das heißt dem liebenden, gewaltlosen, mit seinem eigenen Blut für die Wahrheit Gottes einstehenden Zeugen. Ja, Jesus bleibt der Gekreuzigte auch nach seiner Auferstehung. Er vertauscht nicht die Dornen- mit der Königskrone, er tritt nicht die Herrschaft an, die ihm der Teufel in der Versuchungsgeschichte in Aussicht gestellt hat.
Jesu Herrschaft ist eine, die die Menschen von anderen „Herrschaften“ befreit. Dies wird in der 2. Lesung angedeutet: „Er liebt uns und hat uns befreit von unseren Sünden“ – also von unserer Absonderung, Entfremdung von Gott. Und „er hat uns zu Königen und Priestern gemacht“. Könige haben Würde und gehen aufrecht – Gott will also keine gekrümmten und kriechenden Existenzen. Priester haben Zugang zu Gott und können anderen diesen Zugang vermitteln – Gott will also, dass ihm alle Menschen nahe sind. Diese befreiende Herrschaft Jesu und Gottes für uns selbst in Anspruch zu nehmen und sie auch andere verkosten zu lassen, ist Aufgabe unseres Lebens. Nur so verkünden wir das Königtum Christi und nicht das eines Despoten, nur so lassen wir wirklich Gott das Alpha und Omega sein. Sei es so. Amen.