Womit man Freude macht, wenn man die Augen offen hält
Ausgabe: 2000/48, Zeit, Sachsenhofer
28.11.2000
- Mali Sachsenhofer
„Diesmal verschenke ich Zeit“, habe ich mir als Pensionistin schon oft vorgenommen, aber heuer mache ich ernst damit.
Einen Teil meiner „Zeit-Geschenke“ habe ich bereits an heißen Sommertagen dazu verwendet, kleine Handarbeiten zu gestalten, beziehungsweise gute Wünsche an Regentagen zu „Sternen“ zu verhäkeln, die ich im Advent als meine Weihnachtsgrüße verwenden werde. Im Frühsommer habe ich Erdbeeren, später andere Früchte und selbst gesammelte Waldbeeren zu hausgemachter Marmelade verarbeitet. In lustig bemalten Gläsern verwahrt, habe ich jederzeit ein Geschenk parat, das sich ebenso als Mitbringsel oder als kleines „Dankeschön“ verwenden lässt wie die Nüsse, die ich in kleinen Leinensäckchen, mit Kreuzstich verziert, verpackt habe. Es sind für mich die schönsten, erholsamsten, mitunter besinnlichsten Stunden, wenn ich mit der Erzeugung kleiner Geschenke beschäftigt bin. Natürlich mache ich nur Sachen, die ich kann und die beim Anfertigen bereits Freude bereiten. Der materielle Wert dieser Geschenke ist minimal, den ideellen Wert kennen nur „Insider“. Und für andere sind meine „Zeitgeschenke“ sowieso nicht gedacht. Wer glaubt, kein Talent oder keine Abnehmer für derart „veredelte“ Zeit zu haben, verschenke einfach Zeit pur.
Zeit pur verschenken
Wer unter Menschen lebt, hat auch Menschen um sich, die für ein bisschen Zuwendung dankbar sind. Man braucht sich nur die Zeit zu nehmen, sie zu sehen. Das sind alte und kranke Menschen, deren Not leicht zu erkennen ist; Kinder, die um Beachtung bitten; aber auch Einsame, vielfach Enttäuschte, Verbitterte und Verschlossene, die vielleicht nur deshalb verschlossen sind, weil sich keiner für sie Zeit nimmt.Mitteilungsbedürftige oder Menschen mit ganz kleinen Bedürfnissen, die sich nicht getrauen, jemand damit zu belästigen. Das Angebot eines gemeinsamen Einkaufsbummels, eines Behördenganges, einer Besorgung oder gar einer Autofahrt (auch in Form von Gutscheinen) kann für manchen ein großes Geschenk sein. Einer alten Dame, die alleine das Haus nicht mehr verlassen kann, besorgte ich eine Batterie für ihre Wohnzimmeruhr. Ich hätte nie gedacht, dass man mit so einer geringen Hilfeleistung jemand so glücklich machen kann. Nach derartigen Erlebnissen bin ich jedesmal fast beschämt und nehme mir vor, freigiebiger mit meiner Zeit umzugehen.Sie wird mir immer zu wenig, denn leider hat auch der Tag einer Pensionistin nur 24 Stunden. Wer Zeit verschenkt, sei es in verarbeiteter Form, sei es pur oder in Form von Gutscheinen, wird kaum von der Frage gequält: „Was soll ich nur wieder kaufen?“