In der Schreibwerkstatt „Generationen erzählen“ war die stillste Zeit des Jahres Thema: Worauf kommt es an? Wie war es früher? Was zählt heute?
Ausgabe: 2000/49, Schreibwerkstatt
05.12.2000
- Andrea Rohrauer
Aus über 30 Einsendungen haben wir einige Beiträge ausgewählt, die wir in den folgenden Nummern vorstellen. In dieser Ausgabe: ein Text von Andrea Rohrauer aus Salzburg.
Immer wenn es Weihnacht wird ... also darüber sind wir uns ja einig: Weihnachtsstress ist out. Megaout. Der Advent soll wieder die stillste Zeit des Jahres werden! Als moderne berufstätige Frau kann ich Ihnen versichern: es ist alles nur eine Frage der Organisation. Mit etwas gutem Willen und sechs bis acht mittellangen Checklisten sind Sie Ende November fertig. Ja, mit den Vorbereitungen. Außer natürlich mit den feinen Mandelhäubchen und anderen Keks-Primadonnen, die sonst austrocknen und im Geschmackskonzert verstummen würden bis zum Fest. Aber das entnehmen Sie ohnehin dem Zeitplan 5a, Punkt „Backwerk und Eiklar“. Heuer wird mein Organisationstalent allerdings zusätzlich auf die Probe gestellt: Mitten im Advent, zwischen Lebkuchen-Deadline und Zimtsterne-Opening, soll mein Baby geboren werden. 12. 12. ist der voraussichtliche Geburtstermin. Natürlich kann es auch später werden. Oder früher??? Himmel! Besser, ich verschiebe alle meine Checkpunkte radikal nach vorne. Also: alle Geschenke und Glückwunschkarten fix und fertig bis 20. November. Und vor allem: mehr Geschenke. Und mehr Glückwunschkarten. Denn vermutlich wollen auch Menschen mein Baby besuchen, die bisher weder im Geschenke - noch im Grüßeverteiler berücksichtigt waren. (...) Und für’s Baby muss natürlich auch alles vorbereitet werden. Also: Kombination der Weihnachts- und Baby-Checklisten ist angesagt. Unter Berücksichtigung des Weihnachts-putzaktionsplans und des Kekse- Countdowns. Während ich stirnrunzelnd über meinen Planungen sitze, erprobt das Baby seine Reichweite in meinem Bauch. Oder gibt es mir Morsezeichen: „Ich bin da!“ Und einfach, weil es da ist, hat man es lieb. Es kann nichts leisten, es kann nichts kaufen – und braucht das auch nicht. Könnte das die Botschaft meines Babys zu Weihnachten sein? Je perfekter wir organisieren, je mehr wir uns anstrengen, originelle und kostspielige Geschenke zu machen, desto mehr kommen wir weg von der einfachen Freude dieses Tages: da zu sein und einander leben zu lassen. Uns anzunehmen und gern zu habe, weil wir da sind – ein Geschenk des Himmels.