Ausgabe: 2000/50, Kommentar, Vergeiner, Freude und Freundschaft
12.12.2000
Seine Freude in der Freude eines anderen finden, das ist das Geheimnis des Glücks.“ Ob George Bernanos, als er diesen Satz schrieb, an Johannes den Täufer dachte? Der Wegbereiter Johannes zeigt uns den Weg zu innerer Umkehr, sagt aber auch deutlich, dass diese innere Umkehr von konkreten Taten der Liebe begleitet sein muss. Denn wir dürfen Freude und Glück nicht durch die Bereicherung im Materiellen erwarten. Können wir uns noch echter Freude öffnen?
Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“, singen wir in diesen Tagen. Öffnet die Tür, ihr werdet der Freude begegnen. Denn Freude muss immer wieder neu erlebt werden, man kann sie nicht auf-bewahren. Darum ruft Johannes: Tritt näher, kehr um, mach dich bereit! Sind wir nicht oft wie eine fest verschlossene Tür, um den Anruf ja nicht zu hören? Um dem Geheimnis der Weihnacht näher zu kommen, muss ich aber die Tür in mir weit öffnen. Seid bereit, von eurem Überfluss abzugeben. Begnügt euch mit weniger. Unterdrückt niemand. Seid gerecht und menschlich. Gilt das nicht heute so wie damals? Wie aber schaut es in unserer Welt aus? Eine uralte Erfahrung sagt: Tu was Gutes, wenn du Freude suchst! Schenke einen Vertrauensvorschuss statt Ablehnung. Schenke deine Zeit statt materieller Dinge. Übersieh nicht das Elend der Welt in der Flut der Information. Lass einen Kranken, einen vom Schicksal Gebeugten nicht unnötig auf dich warten. Was oft ein freundliches Wort vermag, können wir nicht abschätzen.
Eine Frau erzählte mir kürzlich, sie habe am Dachboden gekramt. Dabei fiel ihr ein alter Brief in die Hände. Damals, in ihren Jungmädchenjahren, als sie ihn von ihrer Lehrerin bekam, war er ihr Trost und Hilfe, denn sie steckte in einer misslichen Lage. Heute, nach 30 Jahren, sei sie wieder an einem schwierigen Wendepunkt. Sie habe den vergilbten Brief gelesen und er war ihr noch einmal Trost und Orientierung.
O ja, es gibt viel Gutes, wenn es auch nicht in greller Leuchtschrift verkündet wird. Denn gerade in dieser adventlichen Zeit gibt es viel guten Willen. Johannes öffnet uns den Blick für den Größeren, der nach ihm kommen wird. Ist das nicht Freundschaft? Freundschaft, die hilft, selbst zurücktritt und einen anderen zur Mitte macht? Das erfordert viel Selbstbewusstsein, Einsicht, aber auch Verzicht und Maßhalten. Jesus ist die Antwort auf die Freundschaft des Johannes. Johannes weigert sich nicht anzuerkennen, dass es einen gibt, der würdig ist, um sich für ihn voll einzusetzen. Da strahlt Freundschaft auf, wenn einer für den anderen eintritt, wenn keiner den Selbstwert verliert und die Gleichheit bewahrt ist. Dann ist kein Weg zu weit, mit so einem Freund an der Seite.
Elfriede Vergeiner, Fach- und Religionslehrerin, Vorsitzende des Laienrates der Diözese Innsbruck.