Friedensnobelpreis für den Katholiken Kim Dae-Jung
Ausgabe: 2000/50, Korea, Kim Dae-Jung, Nobelpreis, Friedensnobelpreis, Sonnenschein
12.12.2000
- Walter Achleitner
Die Sonnenscheinpolitik Kim Dae-Jungs bricht das Eis in den Beziehungen zwischen Nord- und Südkorea. Als seinZiel gilt ein Friedensvertrag für die geteilte Halbinsel.
Seit 55 Jahren ist Korea entlang des 38. Breitengrades geteilt: in den kommunistischen Norden und den von starker US-Präsenz gesicherten Süden. Beide Seiten bieten bis heute das ideale Bild des Kalten Krieges – und 49 Jahre nach dem Waffenstillstand konnten sich beide Seiten noch nicht auf einen Friedensvertrag einigen. Dass es im Juni dieses Jahres dennoch zur historischen Begegnung zwischen den beiden Kims – Jong-Il, dem Diktator im Norden, und Dae-Jung, dem Demokraten im Süden – kam, war zwar eine Sensation, die aber nicht ganz überraschend gekommen ist.
Zwei Millionen verhungert
1994 starb Kim Il-Sung, der seit 1946 an der Spitze des stalinistisch geprägten Nordkoreas gestanden war. Ihm folgte Sohn Kim Jong-Il nach. Dürreperioden und der wirtschaftliche Niedergang des Landes haben dazu geführt, dass im weitgehend politisch isolierten Norden seit 1995 über zwei Millionen Menschen alleine an Hunger gestorben sind.
Und im Süden der Halbinsel gewann 1997 Kim Dae-Jung das Rennen um die Präsidentschaft mit seiner Partei für eine neue Politik (NCNP). In deren Zentrum: die sogenannte „Sonnenscheinpolitik“ im Blick auf den Norden.
Der Katholik setzt damit nach 37-jähriger Unterbrechung jene Tradition fort, die sein politischer Ziehvater und Taufpate Chang Myon begründet hatte. Als Präsident versuchte Chang 1960 die verhärtete Koreafront aufzuweichen. Vom strikten Antikommunismus geprägt, war er dem Militär zu weit gegangen. Nach neun Monaten setzten sie Changs Regieren ein Ende. Und das von ihnen errichtete Regime sollte fast drei Jahrzehnte überdauern.
Nach der ersten Euphorie
Der erste Besuch ihres Präsidenten nördlich des 38. Breitengrades wurde im Juni mit Spannung vor den Fernsehern verfolgt. Ein Ergebnis wurde freudig begrüßt. Es sollte zu Erleichterungen bei Familienbegegnung kommen, von der über zehn Millionen Menschen betroffen sind. Doch der Euphorie folgte die Ernüchterung: gerade 100 von Pjöngjang Auserwählte durften kurzzeitig in den Norden, behütet von den Augen der Partei.
Auch breite Teile der katholischen Kirche im Süden beobachten die Entwicklung skeptisch. Kardinal Kim Sou-Hwan, Alterzbischof von Seoul und soziales Gewissen der Nation, gilt der Sonnenscheinpolitik gewogen. In seiner Diözese war schon vor Jahren ein Programm zur Wiederversöhnung mit dem Norden gestartet worden.
HINTERGRUND
Sonne und Wind liegen im Streit
Die Haltung des südkoreanischen Politikers Kim Dae-Jung gegenüber Nordkorea wird seit Mitte der 90er Jahre als „Sonnenscheinpolitik“ bezeichnet. Sie steht für die friedliche Annäherung und im Gegensatz zu der seit 50 Jahren praktizierten kriegerischen Konfrontation. Den Hintergrund dafür liefert der legendäre Fabeldichter Äsop, der um die Mitte des 6. Jahrhunderts vor Christus in Griechenland lebte. In seiner Fabel geraten der Wind und die Sonne in einen Streit: wer von beiden schaffe es schneller, dass der Wanderer seinen Mantel auszieht. Der Wind eröffnet den Wettkampf. Er bläßt, stürmt und tobt, um dem Wanderer den Mantel mit Gewalt vom Leib zu reißen. Aber dieser zieht den Mantel immer noch fester um sich und hält ihn mit beiden Händen fest. Nach einiger Zeit gibt der Wind auf. Als die Sonne an der Reihe ist, wählt sie einen anderen Weg. Liebevoll sendet sie dem Wanderer ihre warmen Strahlen. Und es dauert nicht lange, bis dieser seinen Mantel aufknöpft und schließlich ganz ablegt.
ZUR PERSON
Kim Dae-Jung
„Die Nächte werden dunkler und es ist schwierig, seinen Weg zu finden. Es ist eine Zeit der Angst und der Ungewissheit“, schrieb am 6. Dezember 1980 Lee Hee-Ho in die Zelle. Ihr Mann, Kim Dae-Jung, war zuvor wegen der Unruhe in seiner Heimat Kwanju zum Tod verurteilt worden. Doch 1982 wird Kim, ebenfalls im Dezember, überraschend freigelassen. Wegen internationaler Proteste war sein Todesurteil zuvor in 20-jährige Haft umgewandelt worden. Schon einmal hatten sich für ihn die Gefängnistore im Dezember 1978 frühzeitig geöffnet.
Dreimal insgesamt unterlag Kim als Kandidat bei Präsidentschaftswahlen, 1971 gegen Diktator Park nur knapp. Doch die Symbolfigur für den Kampf um Demokratie wird 1997, am 18. Dezember, zum Präsidenten gewählt. Am 10. Dezember 2000, sieben Tage nach dessen 75. Geburtstag, wurde Dae-Jung nun der Friedensnobelpreis verliehen. Doch Kims Freude wäre noch größer, käme vor Dezember 2002 noch der Friedensvertrag mit Nordkorea zustande. Denn dann wird sein Nachfolger gewählt.
Bisher scheint sich zu bewahrheiten, dass der Dezember Dae-Jungs Glücksmonat ist – und nicht nur deshalb, wie die Protestantin Hee-Ho 1980 dem Katholiken in die Todeszelle schrieb: „Für uns Gläubige ist der Dezember der glückliche Monat der Geburt Christi.“