Patres von Melk schufen Atmosphäre des Vertrauens für Temelin-Gipfel
Ausgabe: 2000/51, Melk, Temelin,
19.12.2000
- Josef Wallner
„Der Geist von Melk“ hat wesentlich zu dem konstruktiven Geprächsklima beigetragen, bedankte sich Bundeskanzler Schüssel bei den Benedik-tinern des Stiftes, den Gastgebern des Temelin-Treffens.
„Noch nie habe ich eine internationale Konferenz in so angenehmer Atmosphäre erlebt.“ Dieses Lob von EU-Komissar Günther Verheugen freut die Patres. Dabei war das Klima vor dem Treffen am 12. Dezember mehr als frostig. Was die Vereinbarung wert ist, die Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, Premierminister Milos Zeman und EU-Kommissar Günther Verheugen über Temelin erarbeitet haben, wird die nahe Zukunft zeigen. Die sprichwörtliche „benediktinische Gastfreundschaft“ hat jedenfalls dem Verlauf des Gesprächs positive Impulse gegeben.
Kloster als Plattform
„Wenn wir durch die Ausstrahlung des Klosters mithelfen können, dass sich etwas zum Besseren verändert, tun wir das gerne“, erklärt P. Martin Rotheneder, im Kloster zuständig für Kultur und Tourismus. So entsprachen die Mönche auch der Bitte des Bundeskanzleramtes, die Temelin Gespräche in Melk abhalten zu dürfen. Für Abt Burkhard Ellegast war es selbstverständlich, die Prälatur, seine Privaträume, den Gästen zur Verfügung zu stellen. Und dass eine Verhandlungspause zu einem kurzen Besuch der Bibliothek und der Stiftskirche genutzt wurde, versteht sich von selbst. Die Klosterküche leistete ebenfalls ihren Beitrag. P. Martin über den „Melker Geist“: „Wir bemühen uns um eine ungekünstelte, familiäre Atmosphäre.“ Dazu gehörte auch das Tischgebet, das Abt Burkhard vor dem Essen mit den Temelin-Verhandlern sprach.
Der Charme der Orgel
Das Barockjuwel Melk ist seit langem ein beliebtes Ausflugsziel für Staatsgäste. P. Martin weiß von interessanten Begegnungen zu erzählen. Auch von schwierigen. Oft muss der Mönch alle Register ziehen, um das Eis zum Schmelzen zu bringen. Als Organist hat er dabei unschätzbare Vorteile. Die Führung für den Präsidenten von Tadschikistan im April 2000 schien ein Pflichtbesuch zu bleiben. Der Gast steif und unnahbar – bis er die Orgel erblickte. Nur ein einziges Mal in seinem Leben hatte er bisher eine Orgel gehört: Ob der Pater für ihn spielen könnte? Nach der Musikeinlage war der Präsident wie ausgewechselt. Unter der Kuppel der Stiftskirche kam es zu einem langen Gespräch über Gott und die Welt, über den Islam, zu dem sich der Präsident bekennt, und über das Christentum.
Ins Gebet nehmen
Der Staatsmann hatte sich bereits verabschiedet und war zu seiner gepanzerten Limousine gegangen, als er nochmals zu P. Martin zurückkehrte. Sein Anliegen: „In unserem Land herrscht Unruhe und Unfriede. Beten Sie bitte für unser Land.“Im prachtvollen Stiftsgebäude, ein Meisterwerk Jakob Prandtauers, sehen die Benediktinermönche eine besondere Aufgabe: Für die Menschen da zu sein. „Wir bemühen uns den Gästen zu zeigen, dass sie willkommen sind“, so P. Martin. Dabei sei aber nicht das Gebäude entscheidend, sondern seine Bewohner „machen das Mehr aus“. Die Begegnungen mit den Menschen unterschiedlicher Herkunft und Einstellung bedeuten der Mönchsgemeinschaft viel: „Man wird selbst beschenkt und freut sich, wenn sich die Gäste wohl fühlen.“
Stichwort:
Kein Platz
Die Anti-Atomkraft-Aktivisten sind vom Stift Melk enttäuscht. Sie hatten um einen Raum im Klostergebäude gebeten, in dem sie eine Pressekonferenz abhalten können – an jenem Abend, an dem Bundeskanzler Schüssel mit dem tschechischen Ministerpräsidenten Zeman über Temelin verhandelte. Die Patres ließen die Temelin-Gegner aber nicht ins Kloster. Lediglich die Verhandlungsteams und die Journalisten durften das Stiftsportal passieren. Auch als die Anti-AKW-Gruppen um einen Gebetsraum anfragten – ob aus „taktischen“ Gründen oder nicht, bleibt dahingestellt –, erhielten sie keinen Eintritt. P. Martin Rotheneder wirbt um Verständnis: „Wir haben dem Bundeskanzleramt versprochen, dass das gesamte Kloster zu Verfügung steht und dass in aller Ruhe verhandelt werden kann. Wenn wir ein Versprechen geben, so gilt das unter allen Umständen.“ Als Gastgeber müsse man fair sein und sich auch an das vorgegebene Protokoll halten, so P. Martin. Die Pressekonferenz von Dana Kuchtova, Sprecherin der Südböhmischen Mütter gegen Atomgefahr, fand im Freien entlang der Auffahrt zum Stift statt.