Glücklich die Kinder, die in die Gemeinschaft einer Familie hineingeboren werden, wo sie erfahren können, was Menschsein ist: nicht nur ungetrübtes Glück, Selbstentfaltung und Freude, sondern auch Unglück, Unheil, Versagen, Einsamkeit …Die Familie, die wir heute feiern, war nicht ausgenommen oder verschont. Auch Maria und Josef kannten keine Antworten im Voraus, das Suchen, Sorgen und Leiden war ihnen nicht erspart. Auch sie mussten erfahren, dass ihr Kind sich absetzt, eigene Wege geht, sich um die Angst und die Sorge der Eltern nicht kümmert und den Tadel zurückweist. Jesus reagiert ja erstaunt und nicht schuldbewusst: Wusstet ihr nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss? Maria reagiert, wie jede Mutter in dieser Situation reagiert hätte. Aber sie schimpft nicht, sie fragt nur: Warum? Ein Warum löst oft mehr menschliche Probleme als ein frontaler Angriff. Diese Wallfahrt des zwölfjährigen Jesus nach Jerusalem bedeutet einen Einschnitt in seinem Leben und in dem seiner Eltern.
Mancher Mutter, manchem Vater fällt es oft schwer, loszulassen, was jahrelang die Mitte ihres Lebens war. Aber unsere Kinder gehören nicht uns. Khalil Gibran spricht: „Eure Kinder sind Söhne und Töchter der Lebenssehnsucht nach sich selber. Wir dürfen ihnen Liebe schenken, aber nicht unsere Gedanken. Denn sie haben ihre eigenen Gedanken. Wir dürfen ihrem Körper ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen. Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen. Versucht es nicht, sie euch ähnlich zu machen. Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.“
Menschliches Miteinander verwirklicht sich in Eigenständigkeit und Zugehören, im Loslassen und füreinander Dableiben. Geh du deinen Weg, lass den anderen seinen Weg gehen! Das ist leichter gesagt als durchgestanden. Das heißt aber nicht, dass man in gegenseitigen Schweigen versinkt. Denn das immer wieder neu gesuchte Gespräch ist eine unerlässliche Hilfe. Aber es gibt Zeiten, da kann ein Wort schon zu viel sein. Da bleibt nur mehr unerschütterliches Vertrauen und das Gebet. Trotzdem gestehen wir unserer Jugend Freiraum zu. Ein Gleichnis erzählt: Ein Schaf auf der Weide entdeckte ein Loch im Zaun und zwängte sich durch. Es freute sich über die Freiheit und lief weg. Weit, weit weg lief es, bis es sich verlaufen hatte. Bald merkte das Schaf, dass es von einem Wolf verfolgt wurde. Es lief und lief, aber der Wolf blieb hinter ihm. Bis der Hirte kam und das Schaf rettete. Er trug es behutsam zurück zur Herde. Und obwohl jeder ihn drängte, weigerte er sich, das Loch im Zaun zuzunageln.