An die dreißig Jahre liegen zwischen jener geweihten Nacht in Bethlehem und dem jetzt erzählten Geschehen am Jordan. Immer noch tyrannisiert Rom die Menschen und beutet das Land aus. Dreißig Jahre zwischen Herodes und Pilatus. Immer noch trägt die Hoffnung auf den Messias, den Befreier und Erlöser. Die Erfahrung der Befreiung aus Sklaverei und Knechtschaft mit der heiligen Zusicherung: „Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich aus Ägypten herausgeführt hat …“ sind Grundlagen eines tiefen Glaubens und der alten Visionen eines Jesaja. Aber auch Resignation, ohnmächtiges Aufbäumen und Wut gären heftig. Mit heiligem Zorn kämpft Johannes dagegen an. Er ruft nicht zum Aufstand, sondern zum Gottvertrauen auf.
Seine Botschaft heißt nicht: „Legt die Hände in den Schoß und wartet ab. Seid brav und lasst geschehen …“, sondern: „Steht auf, macht euch auf den Weg und kommt her, besinnt euch auf die Kraft, die ihr im Guten habt – auch mitten in der Not. Wascht den Dreck ab, mit dem die Mächtigen euch besudelt haben, wascht den Dreck ab, den ihr selber in die Hände genommen habt, spürt das Gemeinsame, lasst euch nicht trennen – weder untereinander noch von Gott! Das ist eure Stärke mitten in der Not …“
Jesus geht mit den Leuten zum Jordan. Er gehört zu den Unterdrückten. Er lässt sich auch auf den Ritus ein, auf dieses Zeichen, das Johannes hier setzt, um zu zeigen: Wir müssen etwas tun, nicht nur reden oder gar schweigen. Wir greifen aber nicht zu den Waffen, wir greifen zum Leben … Wasser aus dem großen Fluss: für alle zugänglich, offen fließend …
Jetzt bekommt der Ritus aber eine neue Tiefe. Es geht plötzlich nicht mehr um Umkehr, um Wachwerden, um Besinnung … jetzt geht es um Erkennen, um Weisheit und Glaubensbekenntnis. Johannes erkennt Jesus und Gott selber bekennt sich offen zu seinem Sohn. Beide Bekenntnisse sind bedingungslos und ein eindeutiges Ja. Da ist kein „wenn-das-oder-das-passiert-dann“ vorangestellt, da ist auch kein „wenn-das-geschieht-wird“ nachgesetzt. Johannes spricht von der Feuertaufe. Es wird den Menschen ein Licht aufgehen. Das kleinste Licht durchbricht bekanntlich die mächtigste Finsternis.
Jesus geht von diesem kleinen Licht aus, das so kraftvoll ist. Er (ge)braucht kein Inferno, Er pflanzt Hoffnung und Erlösung im Moment der ehrlichen Begegnung, im Berührtsein des Augenblicks, im Ja zu einem Menschen in dessen jeweiliger Situation, in der Achtung und Beachtung. Am Jordan beginnt der aktive Weg Jesu zu den Menschen. Etwa drei Jahre später wird Pilatus Jesus fragen: „Was ist Wahrheit?“ und Jesus wird dazu schweigen!
Die Taufe ist ein Geschenk aus der Begegnung mit Johannes am Jordan: das bedingungslose Ja Gottes zum Menschen, Seine bezeugte Liebe und Seine Zusicherung: „Ich bin bei dir!“ Die Taufe ist das christliche Sakrament, die heilige Handlung, das Zeichen dieser Gottesliebe. Wir alle sind getauft im Namen des dreieinigen Gottes und nicht im Namen eines Lehramtes, einer Konfession oder einer gemauerten Kirche. Die Taufe ist Zeichen der Verbundenheit, des Erkennens und der gegenseitigen Achtung. Taufe grenzt nicht aus, sondern holt herein, trennt nicht sondern, schenkt Gemeinschaft, versperrt keine Wege, sondern öffnet sogar den Himmel, ertränkt nicht – weder in den Fluten von Dogmen und Gesetzen noch in Tränen –, sondern richtet auf und ermutigt zu eigenen Schritten.
Taufe ist heiliges Zeichen der Liebeserklärung Gottes an Menschen. Taufe ist lebendige Ökumene, der Stamm des Baumes Christentum, der seine Wurzeln tief in jüdischer Muttererde aus der Weihnacht genährt hat, in dessen Krone reiche Früchte und ein vielstimmiger Vogelchor leben und der mit anderen Bäumen zusammen mystischer Ur-wald ist – Lunge und Herz lebendiger, vielfältiger Schöpferliebe Gottes in dieser Welt.