„Berufungspastoral will Menschen begleiten, die ihr Leben in der Nachfolge Jesu gestalten wollen. Das hat Konsequenzen für die gesamte Seelsorge“, sagt Adi Trawöger.
In den vergangenen Jahren sind in vielen österreichischen Diözesen und Ordensgemeinschaften eine Reihe von Initiativen gesetzt worden, um geistliche und kirchliche Berufe zu fördern. Auslöser war die seit den 70er Jahren stark rückläufige Zahl bei den Eintritten in die Priesterseminare und Orden. „Heute gibt es auch bei hauptamtlichen Laienmitarbeitern in der Seelsorge erhebliche Engpässe“, sagt Franz Schauer, der seit Jahren in der Jugendleiterausbildung der Diözese Linz tätig ist. So etwa konnte in der Erzdiözese Wien letzten Herbst keine der ausgeschriebenen Stellen besetzt werden. „Dennoch geht es uns in der Berufungspastoral nicht in erster Linie darum, möglichst viele Leute für geistliche und kirchliche Berufe zu rekrutieren“, sagt Adi Trawöger, Spiritual am Linzer Priesterseminar. Er leitet eine vom Priesterrat eingesetzte Arbeitsgruppe, die ein Konzept für die Berufungspastoral der Diözese Linz erstellen soll.
Leitidee der Seelsorge
„Wie gestalte ich mein Leben aus der Nachfolge Jesu? Wie bringe ich meine Sehnsüchte, Hoffnungen und Talente und die Zusagen und Verheißungen eines mich liebenden Gottes auf einen Nenner? Das sind Fragen, die jeden Christen angehen. Deshalb“, so Trawöger, „ist Berufungspastoral nicht ein Spezialbereich der Seelsorge, sondern ursprüngliche Leitidee jeder Pastoral. Was ist meine Berufung? Diese Frage müsste in allen seelsorglichen Bereichen als Thema vorkommen. In der Kinder- und Jugendseelsorge ebenso wie in der Ehepastoral, in der Altenseelsorge ebenso wie in der geistlichen Begleitung ehrenamtlicher Mitarbeiter/innen in den Pfarren, der Caritas oder im Laienapostolat.“ Er, so Trawöger, sehe darin eine Herausforderung an die Seelsorge, in verstärktem Maße geistliche Begleitung anzubieten und ein Leben „aus den Quellen“ zu fördern.
Ausbau der Begleitung
Als „Berufungspastoral im engeren Sinn“ versteht der Arbeitskreis die Begleitung von jungen Menschen, die auf der Suche nach einer intensiveren Form der Nachfolge Jesu sind. „Dabei geht es vor allem darum, jungen Menschen Möglichkeiten anzubieten, ihre Berufung abzuklären, ihre Persönlichkeits- und Glaubensentwicklung durch entsprechende Begleitung zu unterstützen und ihnen Perspektiven aufzuzeigen, dass aus der Botschaft Jesu ein erfülltes, sinnvolles Leben möglich ist“, meint Trawöger. Solche Angebote gebe es in der Diözese bereits. Als Beispiele nennt Trawöger das Haus Manresa bei den Jesuiten, die Franziskanerinnen in Vöcklabruck oder das Berufungsjahr, wo ein Seelsorger/innen-Team ein Gruppe ein Jahr lang begleitet. „Sicherlich aber brauchen wir noch mehr solcher Orte der Einkehr und Begegnung und begleitete Gruppen, in denen junge Menschen ihren Weg der Nachfolge finden können.“Einen weiteren Schwerpunkt sieht Trawöger in „der Erhaltung, Vertiefung und Entwicklung bestehender Berufungen. Wir müssen jenen, die quasi in der Auslage stehen und so etwas wie eine Visitenkarte für die lebenserfüllende Botschaft Jesu abgeben (Priester, Ordensleute, Laienseelsorger/innen etc.) mehr Begleitung für eine christliche Lebens- und Glaubenskultur anbieten. Und wir müssen auch genauer hinschauen, wie die Rahmen- bedingungen sind – etwa ob sie ihre Berufung als Seelsorger/innen leben können oder ob sie mit anderen Arbeiten so zugeschüttet sind, dass dafür Zeit und Kraft fehlen.“ „Der Wunsch nach spiritueller Begleitung ist heute bei den Jugendleitern viel stärker als früher“, meint Franz Schauer. Und er weiß vom Frust vieler Pastoralassistenten/innen, dass sie zur eigentlichen Seelsorge, der menschlichen und geistlichen Begleitung, nur noch in ihrer Freizeit kommen.
Jahr der Berufung
Die Österreichische Pastoraltagung vom 11. bis 13. Jänner 2001 bildet den Auftakt. Sie stellt das Anliegen der Berufung jedes/jeder Christen/in in den Mittelpunkt. 2002 soll nach einem Beschluss der Bischofskonferenz in allen Diözesen als „Jahr der Berufung“ begangen werden. Dabei sollen auf breiter Ebene die verschiedenen Facetten christlicher Berufung zum Thema gemacht werden. Eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Weihbischof Alois Schwarz bereitet dazu einen Leitfaden vor. Die darin vertretenen Organisationen und Einrichtungen von der KA und den katholischen Verbänden bis zu den Orden, Seminarien, Fakultäten etc. werden in ihrem Bereich entsprechende Initiativen setzen. Die PGR-Wahl-Vorbereitung und die Sternsingeraktion greifen die Thematik ebenfalls auf.
Konsequenzen:
Prioritäten setzen „Wenn wir wirklich etwas für die Berufungspastoral tun wollen, dann gibt es das nicht zum Nulltarif“, sind sich Franz Schauer und Adi Trawöger vom Arbeitskreis des Linzer Priesterrates einig. Sie wissen auch, dass diese Botschaft angesichts diözesaner Sparbudgets und einer immer knapper werdenden Personaldecke nicht populär ist. „Wir müssen uns entscheiden, welche Prioritäten wir setzen. Und wir müssen uns selbstkritisch fragen, ob wir in der Kirche nicht zuviel in den Erhalt bestehender Strukturen investieren anstatt in zeit- und menschengerechte neue Formen der Seelsorge. Dazu zähle ich die Berufungspastoral“, meint Adi Trawöger. Mit den Mitgliedern des Arbeitskreises tritt er dafür ein, ein Leitungsteam (hauptamtliche/r Koordinator/in) zu bestellen. Es soll das Projekt Berufungspastoral vorantreiben, die notwenige Öffentlichkeitsarbeit und Bewusstseinsbildung in Gang bringen und die verschiedenen Initiativen fördern und vernetzen. „Es wird aber auch notwendig sein“, so Trawöger, „Seelsorger/innen freizuspielen, dass sie für die Begegnung und für das Miteinander-Leben mit jungen Menschen mehr Zeit haben (Vorfeldarbeit). Und schließlich werden wir mehr Seelsorger/innen ausbilden und teilweise dafür freistellen müssen, junge Menschen in ihrer Suche zu begleiten bzw. bestehende Berufungen in ihrer Entwicklung zu fördern.“