Im „neuheidnischen Klima“ verkümmern die Menschenrechte
Ausgabe: 2001/02, Menschenrechte, Neuheidnisch,
09.01.2001
- Josef Wallner
Damit die Gesellschaft menschenwürdig bleibt, muss die Kirche die „Würde der Person“ verteidigen, fordert Dr. Niewiadomski. Der Dogmatiker sprach über „Menschenrechte in neuheidnischer Zeit“.
KIZ: Was verstehen Sie unter „neuheidnischer Zeit“? Niewiadomski: „Neuheidnisch“ bedeutet, dass es in der Welt keine Werte mehr gibt, die für alle verbindlich sind. Trotz aller Säkularisierung war bis in die neunziger Jahre das jüdisch-christliche Erbe von der unantastbaren Würde des Menschen Allgemeingut. Das hat sich in den letzten Jahren radikal verändert. Nun sind die Machtstrukturen der Wirtschaft, die neuen Formen der Kommunikation und die Technik die bestimmenden Größen.
KIZ: Wie zeigt sich das Neuheidentum? Niewiadomski: Deutlich tritt es zum Beispiel in den Angriffen der Neonazis zu Tage oder in der Debatte um die Euthanasie: So bezeichnete der australische Philosoph Singer die Achtung vor dem menschlichen Leben als jüdisch-christlichen Aberglauben, den es durch eine vernünftige Ethik zu ersetzen gelte. Die größte Herausforderung stellt aber die Biomedizin dar.
KIZ: Warum rüttelt das Neuheidentum an den Grundfesten der Gesellschaft? Niewiadomski: Weil es längerfristig die Menschenrechte nicht garantieren kann. Man bekennt sich zwar zu den Menschenrechten, der Konsens über die Würde der Person, die Rechtsubjekt der Menschenrechte ist, geht verloren.
KIZ: Die Menschenrechte sind doch durch die Demokratie gesichert ... Niewiadomski: Die liberale Kultur, wie sie sich in den westlichen Demokratien zeigt, steckt in einer tiefen Krise. Sie kann Allianzen der Abwehr gegen Angriffe auf die Würde der Person bilden, sie ist aber unfähig zu definieren, was die menschliche Person ist. Die liberale Kultur kann dem Ansturm des Neuheidentums nicht standhalten.
KIZ: Wer sonst? Niewiadomski: Diese Aufgabe kommt der Kirche zu. Ständig muss sie die Würde der menschlichen Person zur Sprache bringen und vor allem die Menschenrechte gewähren, indem sie sich den Menschen zuwendet.
KIZ: Der Kirche wird immer wieder vorgeworfen, dass sie in der eigenen Struktur die Menschenrechte nicht ernst nimmt. Niewiadomski: Die Befürchtungen, dass die Kirche hinter den Standards der Demokratie zurückbleibt, machen blind für die Krise der liberalen Kultur. Es geht um Grundlegendes: Die Kirche ist gefordert, die Würde der menschlichen Person gegenüber dem Neuheidentum zu verteidigen. Verlangt wird aber nicht das Nörgeln, sondern das Bezeugen.
KIZ: Kommt die Kirche als Mahnerin der Menschenrechte nicht in Verdacht, einen „christlichen Staat“ errichten zu wollen? Niewiadomski: Mit amerikanischen Theologen unterscheide ich zwischen „dünner und dicker Moral“. Diese Differenzierung schiebt dem Fundamentalismus einen Riegel vor. Die „dünne Moral“ lässt sich in Gesetze fassen und beschreibt einen Mindeststandard an Menschenrechten. Dieser Mindeststandard aber braucht eine ständige Absicherung und Begründung. Das leistet die „dicke Moral“ der Christen. Die „dünne Moral“ kann den neuheidnischen Infragestellungen nur Stand halten, weil sich Christen zu mehr verpflichtet wissen und aus der „dicken Moral“ die „dünne“ speisen.
Hintergrund:
Severin-Akademie
„Menschenrechte in neuheidnischer Zeit. Zur Frage nach dem Salz der Erde in der Kultur von morgen.“ Über dieses Thema sprach Univ.-Prof. Dr. Józef Niewiadomski bei der Serverin-Akademie am 8. Jänner 2001 in Linz. Niewiadomski ist Professor für Dogmatik an der Katholischen Fakultät der Universität Innsbruck und durch Veröffentlichungen zu Fundamentalismus, zur Neuen Rechten, zu den Menschenrechten und zur Herausforderung der neuen Medien bekannt. Das befremdlich klingende Wort „Neuheidentum“ ist für Niewiadomski ein Schlüsselbegriff zur Interpretation der Gegenwart: „Im neuheidnischen Zeitalter hat jeder seinen eigenen Gott, seinen eigenen Himmel und seinen eigenen Weg dorthin. Gemeinschaftliches Leben ist nicht mehr möglich, Gruppeninteressen dominieren.“Die liberale Kultur unserer Staaten könne die Menschenrechte nicht sichern. Sie hat auf die Frage „Was ist der Mensch?“, keine Anwort, so Niewiadomski. Die liberale Kultur setze die menschliche Person voraus, sei aber unfähig, sie zu definieren: Die Kirche ist fundamental gefordert.