In allen drei Bibeltexten, die den dritten Sonntag im Jahreskreis (nach der evangelischen Zählung ist es der dritte Sonntag nach Epiphanias) prägen, wird ein „Wir“ angesprochen, eine Gemeinde, eine Versammlung von Menschen verschiedenen Alters, Geschlechts und sozialer Herkunft. Das, was diese Menschen verbindet, ist zunächst ein gemeinsames Hören. Mit bereiten, offenen Ohren lauscht der aus dem babylonischen Exil zurückgekehrte Rest des jüdischen Volkes der Botschaft, die der Priester Esra vorliest. Damit jeder gut hören konnte, stieg Esra dafür sogar auf eine extra angefertigte Kanzel. Das schlichte Verlesen der Thora bewirkt ein allgemeines Aufhorchen, ja eine regelrechte innere Bewegung.
In wieviel Kirchen und Kapellen, aber auch über Radio und Fernsehen, werden Sonntag für Sonntag Bibeltexte gelesen und auch ausgelegt. Ich habe mich jahrelang als Gemeindepfarrerin darüber gefreut, wenn mich jemand am Ende des Gottesdienstes noch einmal auf die Predigt angesprochen hat. Wenigstens e i n Echo auf das verkündigte Wort! Von einer Gemeinde von intensiv Horchenden können Pfarrerinnen und Pfarrer heute meist nur träumen. Zuviele Informationen, zuviele Geräusche, zuviele Stimmen dringen auf uns ein. Es braucht schon besondere Seminare, um wieder hören zu lernen.
Ein wenig mag die gottesdienstliche Gemeinde in der Synagoge von Nazareth uns heutigen Hörenden geglichen haben. Der Jesajatext, der Jesus gereicht wird und aus dem er in der Tradition der jüdischen Priester vorliest, ist wohl den meisten schon vertraut. Zugegeben, eine schöne Verheißung, aber was hat das mit meinem Leben zu tun? Umso mehr wird wohl die „Ein-Satz-Predigt“ Jesu hellwach gemacht und erschreckt haben: Heute hat sich dieses Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt. So hatte noch keiner zu predigen gewagt. Ist das metaphorische Rede (bildlich, im übertragenen Sinne) oder meint er es so, wie er es sagt? Je persönlicher und klarer Worte gesagt werden, desto mehr Chancen haben sie auch, gehört zu werden. Auch bei Jesus blieb die Reaktion nicht aus. In seiner Vaterstadt Nazareth beginnt nach der Überlieferung des Lukas bereits der Konflikt, der schließlich tödlich endet.
Am Hören und Aufnehmen, am Offensein für dieses Wort und seine Wirkung entscheidet es sich, ob Gemeinde Gottes entstehen und bestehen kann. Die Christinnen und Christen zu Korinth waren Hörende. Paulus hatte ihnen die Frohe Botschaft von Jesus, dem Christus, gebracht. Sie haben sie in all ihrer Fremdheit als Evangelium aufgenommen. Nun gilt es, diese Botschaft der Liebe umzusetzen, im täglichen Miteinander. Dass dies den Gläubigen in Korinth nicht leicht fiel, offenbart der Brief an die Gemeinde in Korinther. Dass es Christinnen und Christen bis heute nicht leicht fällt, zeigen mehr als überdeutlich die Probleme im ökumenischen Dialog auch in Österreich im vergangenen Jahr.
Um gemeinsames Leben als Christinnen und Christen zu wagen in aller Verschiedenheit, braucht es also ein immer neues Hinhören auf Gottes Wort. Dieses hat in Jesus Gestalt angenommen und ist Fleisch und Blut geworden und damit nicht bloß hörbar, sondern greifbar und lebbar unter uns. Sich um dieses Wort zu versammeln, lässt Feierstimmung aufkommen und hilft, das Miteinander über alles Trennende hinweg zu sehen.
Wer sich darauf einlässt, wird auf überraschende Weise entdecken, dass es gut ist, nicht allein zu sein. Ja, selbst das, was mich am andern fremd anmutet und was ich nicht sofort verstehe, kann dabei meinen eigenen Horizont weiten und Leben in all seiner Buntheit erfahren lassen.